• 28.05.2014Seite Drucken

Rassismus bildet. Über die kleinen Unterschiede

Witz, Charme, Ironie sowie eine durch und durch kritische Herangehensweise an die Begriffe Interkulturalität und Rassismus zeichneten den Vortrag von Paul Mecheril am Abend des 8. Mai 2014 im gut besuchten Hörsaal des Unipark Nonntal aus. Über 80 Personen folgten gespannt seinen kurzweiligen, jedoch tiefgründigen Ausführungen über verschiedene Formen von Rassismus und die Dekonstruktion von gesellschaftlich erzeugten Unterscheidungen wie „Menschen mit“ und „Menschen ohne Migrationshintergrund“.


„ÖsterreicherInnen und Deutsche trennt so vieles, vor allem die Sprache“. Mit diesem Beispiel wies der Professor von der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg gleich eingangs auf die Signifikanz der kleinen Unterschiede hin, die oftmals eine größere Herausforderung darstellen als die großen Differenzen. Für den Abend habe er ein Werkzeug namens Rassismuskritik mitgebracht mit der Einladung, die eigene Realität und Wahrnehmung durch diese „Brille“ einmal genau unter die Lupe zu nehmen.

Rassismus, Herrschaft & Bildung

Rassismuskritik sei fundamentale Herrschaftskritik, so Mecheril eingangs. Rassistische Unterscheidungen stellten eine Macht dar, die sowohl er- als auch entmächtigen könne. Und sie gehe alle Menschen im doppelten Sinne an, da jedeR Einzelne auch selbst davon betroffen sei. Mecheril verglich diese allgemeine Betroffenheit mit hegemonialen Geschlechterverhältnissen, die ebenso alle Menschen inkludiere, und formulierte provokant: Auch die/der beste AntirassistIn kommt nicht am Rassismus vorbei. In diesem Sinne bilde Rassismus.
 


Mit drei wesentlichen Aspekten von Bildung untermauerte er diese These: Bildung beziehe sich stets auf einen erfahrungsbedingten Prozess der Selbst- und Welttransformation. Zweitens brauche sie immer einen Bezug zu allgemeinen Zusammenhängen bzw. Fragen. Zu guter Letzt sprächen wir dann von Bildung, wenn eine normative Richtung vorgegeben werde. All dies treffe im Fall von Rassismus zu, so Mecheril.

MmMs & MoMs


Integration hingegen habe nichts mit Bildung zu tun, dies sei ein Kategorienfehler. Der gesellschaftliche Diskurs vermittle durch seine iterative Performanz – die beständige Wiederholung von Bildern, Worten und Normen – besonders in den Medien, dass Integration wichtig und notwendig sei, da es so und so viele Menschen mit Migrationshintergrund gebe. Ebenso erzeuge der Diskurs zwei Gruppen von Menschen: Menschen mit Migrationshintergrund und jene ohne Migrationshintergrund. Mecheril verwendete dafür die Kürzel: MmMs und MoMs. Während die eine Gruppe vermeintlich optisch erkannt werde und ständig zu befragen sei (Beispiel: Wie steht dieser Mensch mit türkischem Migrationshintergrund zur Frage von egalitären Geschlechterverhältnissen?), bleibe die andere Gruppe als Teil der Mehrheitsgesellschaft fraglos legitim. Niemand würde es wagen, das Recht der MoMs auf ihre Anwesenheit in Österreich zu bezweifeln, während Integrationsfähigkeit oder -bereitschaft von MmMs ein derart hochgehaltener Wert sei, dass er über Zu- oder Aberkennung von BürgerInnenrechte bestimmen könne.

Vom kolonialen, über den kulturellen zum ökonomistischen Rassismus


Laut dem heuer verstorbenen britischen Soziologen Stuart Hall seien weiße EuropäerInnen nicht rassistisch, weil sie Schwarze hassen würden, sondern weil sie ohne Schwarze nicht wüssten, wer sie selbst sind. Diese Abgrenzung zu „den anderen“, die Unterscheidung der EuropäerInnen, um sich selbst zu definieren, sei ein Produkt der Moderne, betonte Mecheril. Zudem stellte er fest: „`Rasse` stellt keineswegs eine anthropologische Konstante dar, sie gehört nicht zum Wesen des Menschen, sondern wurde im Prozess der Unterscheidung der Menschen zur Legitimisierung von Herrschaft als analytische Kategorie konstruiert.“ Warum darf das weiße Europa seine kolonialen Praktiken betreiben? Diese Frage sei von europäischen Gelehrten – also auf rationale, wissenschaftliche Weise –  mit der Ordnungskategorie „Rasse“ beantwortet worden. Weiters sei bestimmt worden, dass die „Rassen“ hierarchisch geordnet seien und – welch Wunder – die Weißen an ihrer Spitze stehen. Qua Vernunft hätten die Weißen dieses Ordnungsschema herausgefunden, schloss Mecheril sarkastisch seine Ausführungen.

Rassekonstruktionen seien aber bis dato nicht verschwunden, sondern hätten sich nur gewandelt. Heute sei es zwar verfemt von „Rasse“ zu sprechen, an dessen Stelle rücke allerdings der Begriff „Kultur“. Auch hier geht es in Mecherils Augen um Ordnung und Kontrolle. Ein Beispiel: Trotz Bewunderung für die türkische Sprache, sei es dennoch für viele MoMs klar, dass sie nicht in österreichische Schulhöfe gehöre.
Als neueste Rassismusform wies Mecheril auf den ökonomistischen Rassismus hin, bei dem die Verwertbarkeit im Vordergrund stünde. Nur gebildete Menschen seien dann in einem Land willkommen und wirtschaftliche Verwertbarkeit werde zu einem Kriterium für Menschenrechte. Diese Form von Rassismus betreffe dann uns alle.



In der anschließenden regen Publikumsdiskussion führte Paul Mecheril die Kontinuität zwischen „Rasse“, Kultur und Ethnizität aus und wies darauf hin, dass es dennoch möglich sein müsse, über die beiden letztgenannten Begriffe zu sprechen, da sie wirkmächtig, aber auch veränderbar seien. Er warnte allerdings vor Selbstprivilegierung.

Workshop „Vielfalt bereichert. Interkulturelles & Globales Lernen kritisch betrachtet“

Über Paul Mecherils Ansätze und eine mögliche Umsetzung ins eigene pädagogische Arbeitsumfeld ging es beim ganztägigen Workshop am 9. Mai 2014. Die heterogene Gruppe von knapp 30 Personen setzte sich aus TeilnehmerInnen aus den Bereichen Schule/Pädagogik, Integrationsarbeit und entwicklungspolitische Bildungsarbeit/Globales Lernen zusammen. Für Vortrag und Workshop waren auch so manche eigens aus Wien und Innsbruck angereist.

Der gemeinsame Vormittag mit Paul Mecheril stand im Zeichen der Dekonstruktion des Interkulturellen. Kulturelle Differenz spiele nur bei MmMs eine wichtige Rolle, bei SchülerInnen ohne Migrationshintergrund sei sie kein Thema. Der Migrationshintergrund sei quasi „entdeckt“ worden und als eine Form von Rassismus zu verstehen, sobald er mit kultureller Differenz gleichgesetzt werde. Beim so genannten „Othering“, dem Andersmachen der anderen, stecke auch eine Industrie dahinter, die damit ihr Geld verdiene. Dabei nahm sich Mecheril, der von 2008 bis 2011 an der Universität Innsbruck einen Lehrstuhl für Interkulturelles Lernen und Sozialen Wandel inne hatte, auch gar nicht selbst aus. Zentral sei es, Reflexionsräume zu schaffen, um so die „Kultur des Interkulturellen“ kritisch zu hinterfragen, wie dies beispielweise in Praxiswerkstätten in Oldenburg passiere.
Am Nachmittag widmeten sich die TeilnehmerInnen in zwei Arbeitsgruppen den Themen postkoloniale, rassismuskritische Kritik am Globalen Lernen sowie der Befreiung von und der Reaktion auf rassistische Haltungen.



Die Veranstaltung wurde von KommEnt und dem Interkulturellen Zentrum Wien organisiert und in Kooperation mit der PH Salzburg und der Universität Salzburg (School of Education) durchgeführt. Sie ist Teil des Projekts „Vielfalt Glokal!“ des Interkulturellen Zentrums.
 

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