• 10.02.2014Seite Drucken

WeltWeitWissen 2014 – Perspektiven wechseln

Perspektiven zu wechseln ist ein grundlegendes Element des Globalen Lernens, um sich auf neue Methoden, neue Ideen, neue Kooperationen einzulassen. Und es war der Titel des bundesweiten Bildungskongresses zu Globalem Lernen und Bildung für Nachhaltige Entwicklung, der vom 16. bis 18. Jänner 2014 über 400 Interessierte in Stuttgart versammelt hat. KommEnt war ebenso dabei und hat zwei Workshops angeboten.


Die vom Dachverband Entwicklungspolitik Baden-Württemberg (DEAB) organisierte Tagung setzte den inhaltlichen Fokus auf den Begriff der „Großen Transformation“, stellte die Frage nach der Zukunft der mit 2014 endenden UN Dekade Bildung für Nachhaltige Entwicklung und hatte das Ziel, MigrantInnen als AkteurInnen im entwicklungspolitischen Bildungsbereich sichtbar zu machen.

Hieß „Hänschen Klein“ Humboldt mit Nachnamen?

Mit diesem Vortragstitel verwirrte Elisio Macamo seine ZuhörerInnen gleich zu Beginn, besonders als er zugab, dass selbst ihm der Titel rätselhaft geblieben sei. Rhetorisch brillant brachte der in Mosambik geborene Universitätsprofessor aus Basel im Folgenden jedoch die Verbindung zwischen den beiden genannten deutschen Persönlichkeiten zu tage. Beide – sowohl der deutsche Geograf Alexander Humboldt als auch die Figur aus dem deutschen Kinderlied Hänschen Klein – gingen zur gleichen Zeit auf Reisen.

Zu einer Zeit, in der, so kommentierte Macamo die aktuelle Situation von MigrantInnen sarkastisch, Menschen reisen konnten, ohne als SozialtouristInnen oder Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet zu werden. Viele Europäer reisten damals durch die Welt und legten sich diese zurecht. Nun würden sie sich weigern, diese zum großen Teil von ihnen gestaltete Welt auch anzuerkennen und seien überrascht, wenn sie – „die Welt“ – auch mal auf Besuch käme. Er, Elisio Macamo, sei aber kein Migrant, sondern allenfalls ein Problem für die Bürokratie. Macamo betonte, dass es darum gehe, die Bezeichnung „MigrantIn“ neu zu definieren. MigrantInnen seien normale Menschen, ihnen wohne nichts Besonderes oder Bestimmtes inne. Nur die Gesetzgebung würde sie zu Anormalen machen. Die wahren MigrantInnen seien Menschen, die nie weg waren und sich selbst als Zentrum der Welt betrachten. Sie bezeichnete er als „Museumsstücke einer Zivilisation, die sich am Leben erhalten will, indem sie sich in Widersprüche verstrickt“.

Globales Lernen nicht Globales Belehren

Lebe man im globalen Norden, befinde man sich alsbald in einer Position des „Besserwissers“. Im Globalen Lernen stehe allerdings gemeinsames Lernen auf gleichwertiger Ebene im Mittelpunkt und nicht hierarchisches Belehren. Europa sei auch deshalb für viele Menschen ein Reiseziel, weil damit bestimmte Werte, wie Humanismus, Aufklärung, Rechtsstaatlichkeit, Freiheit, Selbstbestimmung u.v.m. verbunden werden. Ginge es rein um die finanzielle Situation, würden die Menschen auch nach Saudi-Arabien migrieren, so Macamo pointiert. Niemand habe die Deutungshoheit gepachtet, stattdessen sollten diese europäischen Werte als vom kulturellen Kontext unabhängige Referenzpunkte gelten. Dass die kulturelle Verortung nicht so leicht zu lösen sei, exemplifizierte Macamo an seinem eigenen Beispiel: Wir alle seien „formatiert“, auch er sehe die Welt bereits wie ein Europäer.

Ein buntes Programm

Neben Macamos Input gab es noch vier weitere Hauptvorträge, die sich mit der Geschichte und den zukünftigen Knackpunkten des Globalen Lernens (Sigrid Schell-Straub und Gregor Lang-Wojtasik), der Transformation als Bildungsaufgabe (Klaus Seitz), dem Orientierungsrahmen für Globale Entwicklung (Hannes Siege) und der UN Dekade für BNE (Jörg-Robert Schreiber) beschäftigten. Aufgelockert wurden diese durch Präsentationen von sechs Projekten mit Schulklassen in Baden-Württemberg, die im Vorfeld der Tagung mit BildungsreferentInnen und KünstlerInnen durchgeführt wurden. Die SchülerInnen widmeten sich beispielsweise dem Geschichten Erzählen in verschiedenen Kulturen, um dadurch einen anderen Blick auf das Thema Migration zu erhalten. Sie produzierten Kurzfilme zum Thema die „Große Transformation“, in denen sie sich mit Umweltschutz im eigenen Haushalt und der Gemeinde auseinandersetzten. Sie erarbeiteten eine Gruppenimprovisation zu dem Lied „Ekoleka“ (zu Deutsch: der Krieg wird enden), das vom Leben der Kindersoldaten erzählt. Sie wurden durch eine Zukunftswerkstatt geleitet, um Möglichkeiten einer attraktiven nachhaltigen Lebensweise auszuloten. So wurden in dieser bunten künstlerischen Vielfalt alle Sinne angesprochen.

Viel Raum im Programm des Kongresses gab es auch für den Bildungsmarkt, bei dem sich 25 ausgewählte Projekte – die sich durch Innovation, Anregen eines Perspektivenwechsels und Partizipation verschiedener AkteurInnen und Zielgruppen auszeichneten – vorstellen konnten. Die großzügigen Räumlichkeiten im Haus der Wirtschaft boten optimale Bedingungen, um bei Kaffee und Kuchen oder auch nach den gänzlich vegetarischen Buffets – auch das ein aussagekräftiges Statement des Veranstalters – bei den zahlreichen Ständen neue Projektideen und Impulse zu bekommen und sich in Ruhe auszutauschen.

Workshops: Globalgeschichte und Evaluation

Die Entscheidung fiel bei einem Angebot von über 40 Workshops vielen nicht leicht. In drei Runden konnten die TeilnehmerInnen zwischen so unterschiedlichen Themen wie europäische Afrikabilder, Friedensbildung, kreative politische Aktionsformen, Globales Lernen in der Berufsschule und vielem mehr wählen.
Simone Grosser und Gerald Faschingeder (KommEnt / Paulo Freire Zentrum) präsentierten Freitag Nachmittags ein in Erarbeitung befindliches Unterrichtsmaterial zu Globalem Lernen für den Geschichtsunterricht, das Globales Lernen und Globalgeschichte miteinander verknüpft. Unter dem Workshop-Titel „Europa ist nicht das Zentrum der Welt“ legten sie den knapp 20 TeilnehmerInnen das Anliegen der neuen Handreichung dar und boten die Möglichkeit, einzelne Bausteine aus dem ersten Heft zu „Raum, Zeit und Karten“ auszuprobieren. Anhand von Sprichwörtern zum Thema Zeit aus unterschiedlichen Kulturen konnte die kulturell beeinflusste Vorstellung von Zeitwahrnehmung diskutiert werden, die ersten Weltkarten und der Versuch ihrer Analyse regte zum Nachdenken über die bildliche Darstellung der Erde und dahinterstehende Weltbilder an.
Im Workshop „Lernen durch Evaluationen“ ging es Susanne Höck (EOP München) und Jean-Marie Krier (KommEnt) darum, das Instrument „Evaluation“ von negativen Assoziationen zu befreien und es als wertvollen Lernprozess sehen zu lernen. Anhand von vier Evaluationsbeispielen (kleine, mittlere und große externe Evaluation, kleine Selbstevaluation) zeigten sie, wie mit unterschiedlichen Ansätzen Anstöße für Qualitätsentwicklung in der entwicklungspolitischen Inlandsarbeit gewonnen werden können.

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