• 30.11.2013Seite Drucken

Studienreise Israel/Palästina

Von 6. bis 13. Oktober 2013 fand im Rahmen des Universitätslehrgangs Global Citizenship Education eine Studienreise nach Israel/Palästina statt. Ziel der Reise war es, tiefere Einblicke in diesen jahrzehntelang andauernden Konflikt zu erlangen und Möglichkeiten in Hinblick auf Konfliktlösung, Prävention und Peace-Keeping sowie Friedenspädagogik zu reflektieren.


Yad Vashem und die Altstadt Jerusalems

Der erste Tag der Studienreise stand im Zeichen jüdischer Positionen/Narrative. Der Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem, offiziell „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust“ ermöglichte den TeilnehmerInnen die individuelle Auseinandersetzung mit der Shoah. Abgerundet wurde der Besuch durch ein Gespräch mit dem Historiker Gideon Greif, der jahrelang für Yad Vashem tätig war sowie an verschiedenen Bildungs- und Forschungseinrichtungen lehrt. Greif betonte die Einzigartigkeit der Shoah, die nicht mit anderen Genoziden vergleichbar sei. Thema waren außerdem die Aufarbeitung der Shoah innerhalb Israels sowie israelische politische Beziehungen ins deutschsprachige Ausland. Die Rückreise zum Hotel in Jerusalem dauerte wesentlich länger als geplant, da am selben Tag der Rabbiner Ovadja Josef – spirituelles Oberhaupt der ultra-orthodoxen Shas-Bewegung – verstorben war. Ein Trauerzug von rund 500.000 Gläubigen legte den Verkehr in Jerusalem lahm und verdeutlichte den TeilnehmerInnen der Reise eindrucksvoll die Bedeutung der religiösen Kräfte im Land. Am Abend führte ein Guide der israelischen Organisation Ir Amim, die sich für die Gleichberechtigung von Israelis und PalästinenserInnen einsetzt, durch die Altstadt von Jerusalem, wo unter anderem das österreichische Hospiz sowie die Klagemauer besucht wurden.

Ost-Jerusalem und israelische Positionen zum Konflikt


Eine ebenfalls von Ir Amim organisierte Bustour durch Ost-Jerusalem gab Einblicke in die Lebenswelten der jüdischen und palästinensischen Siedlungen. Vor allem „geopolitische“ Aspekte des Konflikts wurden während der Bustour durch Ost-Jerusalem beleuchtet. So führte der Tourguide beispielsweise aus, dass dem israelischen Siedlungsbau keine raumplanerische Strategie zugrunde liege, sondern vielmehr eine politische. Dies sei alleine schon daran ersichtlich, dass neue Siedlungen ohne vernünftige Anbindung an andere Stadtteile entstehen würden. Derzeit existierten 17 illegale israelische Siedlungen in Ost-Jerusalem. Gleichzeitig werde die Infrastruktur für palästinensische Siedlungen stark vernachlässigt. Die Auswirkungen des Mauerbaus wurden den TeilnehmerInnen unter anderem beim Besuch von Rachels Grab, einer Enklave in der Mauer, verdeutlicht. Die Mauer sei hier, um zu bleiben, so der Tourguide.

Am Nachmittag gab Ofer Zalzberg, Historiker und Mitglied der International Crisis Group, einen Überblick über den Israel-Palästina-Konflikt und führte aus, dass es nicht den israelischen Standpunkt gäbe und dass die religiöse Dimension des Konflikts zunehmend in den Vordergrund trete. Das getrennte Schulsystem – es existieren Schulen für säkulare bzw. orthodox erzogene jüdische Kinder sowie verschiedene arabische Schultypen – würde nicht unbedingt zu einer Lösung beitragen, da hier die unterschiedlichen Narrative reproduziert und damit verfestigt anstatt zusammengeführt würden. Auch die Rolle der ultra-orthodoxen jüdischen Bevölkerung in der israelischen Gesellschaft war Thema des Vortrags. Im Anschluss legten zwei Vertreter der israelischen Politik sowie ein Wissenschafter ihre Positionen dar.

Emmanuel Navon, Mitglied der konservativen Likud-Partei sowie Leiter des Politikwissenschafts- und Kommunikationsinstituts des Jerusalem Orthodox College, beklagte, dass die internationale Gemeinschaft in Bezug auf Israel eine Doppelmoral an den Tag lege, was sich in drei Bereichen – Flüchtlinge, Grenzziehungen und Siedlungen – bemerkbar mache. Dies begründete er damit, dass es neben der UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR eine weitere Flüchtlingsorganisation – UNRWA – gibt, die sich ausschließlich auf palästinensische Flüchtlinge konzentriere. Weiters führte er aus, dass es von einer Doppelmoral zeuge, zu fordern, in Palästina dürfte keine jüdische Bevölkerung leben, während zahlreiche PalästinenserInnen in Israel lebten.

Mossi Raz, ehemaliger israelischer Politiker der Meretz-Partei, die links-zionistische Positionen vertritt, strich die unterschiedlichen Narrative hervor, mit denen die Menschen lebten und die durch die Medien transportiert würden. Er kritisierte, dass die palästinensische Bevölkerung in der West Bank nicht dieselben Rechte habe und sprach sich für eine Zwei-Staaten-Lösung aus. Gleichzeitig verwies er aber darauf, dass etwa die Hälfte der Israelis kein Interesse an einer Beilegung des Konflikts habe, weil sie nicht bereit sei, den Preis dafür zu zahlen.

David Barack-Gorodetsky, von der University of Haifa, Department of Jewish History und Direktor der Organisation Kumo, verwies auf die tiefe Kluft zwischen säkular-liberalen und religiösen Standpunkten in der israelischen Gesellschaft. Das Oslo-Abkommen (israelisch-palästinensisches Interimsabkommen), ein liberales Abkommen europäischer AkteurInnen, habe religiöse Positionen nicht berücksichtigt. Er sprach sich für neue Verhandlungen aus, die einen Kompromiss zwischen liberalen und religiösen Standpunkten zum Ziel haben sollten. Außerdem verwies Barack auf die Wichtigkeit von Formulierungen und der Sprache im Rahmen von Verhandlungen und Abkommen.

Abschließend referierte Zvi Bekerman, Professor am Institut für Pädagogik der Hebrew University in Jerusalem, zum Thema Friedenserziehung in Israel. Er verwies eingangs darauf, dass es in Israels Bildungssystem kaum Friedenserziehung gäbe und strich nochmals die Trennung innerhalb des Schulsystems hervor, die nicht nur Spannungen zwischen der israelischen und palästinensischen Bevölkerung verstärke, sondern auch jene innerhalb der israelischen Gesellschaft. Ein monokultureller Zugang, der auf israelische Perspektiven fokussiere, wie ihn das betreffende Ministerium in Israel verfolge, sei einer Friedenserziehung ebenfalls nicht zuträglich.

West Bank – palästinensische Positionen

Den dritten Tag verbrachten die TeilnehmerInnen der Reise in Ramallah. Nach einem Besuch des Mausoleums von Jassir Arafat ging es weiter in ein Hotel, wo unterschiedliche palästinensische Stimmen zu Wort kamen.
Helga Baumgarten, Professorin an der Birzeit University, gab einen Überblick über die Situation der palästinensischen Bevölkerung. Anschließend widmete sich Jehad Harb, palästinensischer Experte in parlamentarischen Angelegenheiten, der politischen Situation und der Rolle der Palästinensischen Befreiungsorganisationen. Er beklagte das Demokratiedefizit innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Roger Heacock,  Professor für Geschichte an der Birzeit University, beleuchtete die Rolle Europas im Nahen Osten und Xavier Abu Eid, Mitglied der Negotiations Support Unit, berichtete über derzeitige Verhandlungen mit der israelischen Seite sowie über Chancen und Risiken. Abschließend referierte der palästinensische Journalist Rami Mehdawi über die Bedeutung von Social Media für die Einstellungen der jüngeren Generationen. Durch diese Vorträge, die anschließenden Diskussionen und nicht zuletzt durch Einzelgespräche mit ebenfalls anwesenden palästinensischen Jugendlichen wurden ganz unterschiedliche palästinensische Perspektiven auf den Konflikt sichtbar. Den Abschluss bildete ein Spaziergang durch die Innenstadt von Ramallah.

Bethlehem und Hebron

Nach dem Besuch und einer Führung durch die Geburtskirche in Bethlehem ging es in eines der nahe gelegenen Flüchtlingslager, Dheisheh. Dort informierten Gudrun Kramer (GIZ) und Sandi Hilal (Campus in Camps) über die Situation der Flüchtlinge. Die UNRWA (United Nations Relief and Works Agency for Palestine Refugees in the Near East), die für die Flüchtlingslager verantwortlich ist und  teilweise. mit der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) kooperiert, konzentriert sich seit einigen Jahren auf die Entwicklung der Lager, die bereits seit den 1950er Jahren bestehen. Dies werde von den Camp-BewohnerInnen kritisch betrachtet, da Entwicklung zur „Normalisierung“ beitragen würde und dadurch ihr Anspruch auf Rückkehr gefährdet werden würde. Wie Sandi Hilal ausführte, würden Architektur und Planung eigentlich der „DNA“ eines Flüchtlingslagers widersprechen, was natürlich große Herausforderungen für alle Beteiligten mit sich bringe. Ein Projekt, das in diesem Kontext entstanden ist und den Teilnehmenden ebenfalls vorgestellt wurde, ist Campus in Camps: In einem zweijährigen Programm – dem ersten Universitätsprogramm speziell für die Flüchtlingslager – beschäftigen sich die jungen TeilnehmerInnen aus fünf Camps mit neuen Formen der visuellen und kulturellen Repräsentation von Flüchtlingslagern nach mehr als 60 Jahren der Vertreibung.

Anschließend fuhr die Studiengruppe in die geteilte Stadt Hebron, wo sie von einem Guide der Organisation Breaking the Silence geführt wurde – einer Organisation von ehemaligen israelischen SoldatInnen, die Israels Politik in den besetzten Gebieten kritisch betrachten und über ihre eigenen Erfahrungen berichten. Auffallend war das massive Aufgebot an Militär auf den sonst beinahe ausgestorbenen Straßen der Innenstadt. Während auf den leeren Straßen Schilder das jüdische Narrativ wiedergaben, verdeutlichte der Tourguide die palästinensische Perspektive durch einen Spaziergang in der Al-Shuhada-Straße, die von der palästinensischen Bevölkerung seit der 2. Intifada nicht mehr benutzt werden darf. Abgerundet wurde die Führung mit einem Besuch bei Issa Amro, einem palästinensischen Menschenrechtsaktivisten der Organisation Youth Against Settlements, der von seinen Erfahrungen der Unterdrückung durch Israelis berichtete.

Das jüdische historische Narrativ und das Tote Meer

Der Besuch von Masada, einer der wichtigsten Touristenattraktionen in Israel und UNESCO Weltkulturerbe, war insofern spannend als Masada nicht bloß ein geschichtsträchtiger Ort ist, sondern nach wie vor für das jüdische kollektive Gedächtnis eine wesentliche Rolle spielt. Der legendenumwobene Schauplatz des letzten Widerstands der Juden gegen das Römische Imperium wurde und wird immer noch als Grundlage für heutige israelische Narrative herangezogen. Dieser wärmste Tag der Reise wurde mit einer Abkühlung im Toten Meer fortgesetzt, bevor es wieder zurück nach Jerusalem ging.

Friedenserziehung: Neve Shalom/Wahat al Salam und Vortrag Anat Reisman-Levy

Am vorletzten Tag auf dem Weg von Jerusalem nach Tel Aviv besuchte die Reisegruppe das Friedensdorf Neve Shalom/Wahat al Salam, das sich geografisch genau zwischen den beiden Städten befindet. In diesem 1970 gegründeten Dorf leben jüdische und palästinensische BürgerInnen gemeinsam und gleichberechtigt. Nach einer Einführung in die Geschichte dieses außergewöhnlichen Ortes durch einen palästinensischen Bewohner und einem Rundgang durch das Dorf berichtete Nava Sonnenschein, Direktorin der dort ansässigen School for Peace, von ihren Erfahrungen im Bereich der Friedenserziehung. In Tel Aviv angekommen stand ebenfalls die Friedenspädagogik im Zentrum des Interesses: Die israelische Friedensaktivistin und Pädagogin Anat Reisman-Levy berichtete von ihren Pionier-Programmen zur Friedenspädagogik, die sie zwischen 1996 und 2004 durchgeführt hatte, und zwar im Rahmen des Israel Palestine Center for Research and Information (IPCRI), einer der wenigen Organisationen, in der tatsächlich Israelis und PalästinenserInnen zusammenarbeiten.

Nach dieser dichten, ereignisreichen und mitunter sehr emotional berührenden Woche kehrten alle TeilnehmerInnen mit vielen Erlebnissen, Denkanstößen aber auch zahlreichen Fragen zum Thema Bildung und Konflikt wieder nach Hause zurück. Zur Verarbeitung und weiteren Auseinandersetzung der vielen Erfahrungen folgten als nächster Schritt im Lehrgang ein online Diskussionsforum zur Reise sowie der Auftrag, ein Reflective Paper zu verfassen.  

Johanna Urban
 

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