• 04.10.2013Seite Drucken

Globale Kooperation und Konflikttransformation – Teil II

Im zweiten Modul des Unilehrgangs „Global Citizenship Education“ stand neben der Frage von globalen Kooperationsmöglichkeiten auch die Frage nach Formen der Konflikttransformation am Beispiel des Nah-Ost-Konflikts im Zentrum der Diskussionen.


Als GastreferentInnen eingeladen war ein Team des Herbert C. Kelman Institutes für interaktive Konflikttransformation bestehend aus Wilfried Graf, Linda Schönauer-Brousek und Jan Brousek.



Frieden durch interaktive Konfliktbearbeitung

Wilfried Graf führte zu Beginn in theoretische Konzepte und Grundlagen zum Thema ein. Er positionierte die Herangehensweise des Institutes – die Schaffung von Frieden durch interaktive Konfliktbearbeitung – als alternative Lösung zwischen zwei Paradigmen: dem friedenspolitischen Paradigma, in dem Frieden durch Machtausgleich (beispielsweise durch Wettrüsten) und dem liberalen Paradigma, bei dem Frieden durch Recht, Demokratisierung und Weltordnungsmodelle erreicht werden soll. Das eine unterschätze nichtstaatliche Akteure, das andere übersehe die Konflikthaftigkeit von Gesellschaft, während die interaktive Konfliktbearbeitung das Paradigma der globalen Zivilgesellschaft, die Praxis von „global citizens“ sein könne. Graf wies weiters darauf hin, wie wichtig es sei, die verschiedenen oft dichotomen Friedensparadigmen zusammenzudenken. Um der Komplexität von Konflikten Rechnung zu tragen, sei eine transdisziplinäre Herangehensweise, die nicht nur JuristInnen oder PolitikwissenschafterInnen, sondern auch PsychologInnen und KulturwissenschafterInnen miteinbezieht, unerlässlich.

Vier Defizite aus den lessons learned

Als lessons learned vergangener Friedensprozesse präsentierte Graf vier Defizite. Erstens nannte er das Interdependenz-Defizit: In Friedensverhandlungen werde stets die gleiche Arbeitsweise angewendet. Von den Konfliktparteien würden immer nur die moderaten VertreterInnen an den runden Tisch gebeten werden, radikale VertreterInnen fühlten sich demnach nicht repräsentiert. Die Kommunikation und Verankerung auf allen Ebenen der Gesellschaft, von der Basis bis hin zur Top Ebene könne nur durch MultiplikatorInnen erreicht werden und sei ein langer Prozess. Um dieses Defizit der Interdependenz auszugleichen, arbeitet das Kelman Institute besonders mit „upcoming leaders“. Zweitens nannte Graf das Gerechtigkeitsdefizit, das er am Beispiel Israel/Palästina aufzeigte. Zwischen Israelis und Palästinensern gebe es verschiedene Gerechtigkeitsvorstellungen, die nur schwer über Verhandlungen auszugleichen seien. So nehme beispielsweise die Hamas ihre Vorstellung von Gerechtigkeit aus der Religion, dies decke sich allerdings nicht immer mit den individuell verorteten Menschenrechten. Um bei solch einer Wertediskussion auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen, brauche es nicht Verhandlungen sondern Lernprozesse sowie Kultur- und Bildungsarbeit. Drittens wies Graf auf ein Prozess-Struktur Defizit hin. In vielen Friedensprozessen fehle es an einem kontinuierlichen, prozessorientierten, gemeinsamen Arbeiten.  Zwar gebe es eine vorgefasste Vorstellung der Lösung, wie z.B. die 2 Staaten Lösung, aber keine Methode, um in einem gemeinsamen Lernprozess dorthin zu gelangen. Zuletzt nannte Graf das Authentizitätsdefizit, womit fehlendes Ownership seitens der Konfliktparteien gemeint sei. Die Betroffenen fühlten sich nicht als GestalterInnen der Prozesse.

Konflikttransformation in drei Schritten

Graf und sein Team stellten anschließend ihr Modell der Konflikttransformation vor. Der Prozess ist in drei Phasen gegliedert: In Phase I geht es um das Verstehen der subjektiven Konfliktwahrnehmung. Wichtig in der konkreten Arbeit sei es hier, Vertrauen durch aktives Zuhören aufzubauen. Es gelte, die Ziele und Absichten der Akteure zu erkennen. Als erste Aufgabe im Workshop sollten die Studierenden daher anhand einer Debatte zwischen zwei renommierten Vertretern der israelischen Friedensbewegung die Konfliktakteure, ihre Ziele, Motive und Strategien benennen. Grundlage war ein Streitgespräch zwischen Uri Avnery, israelischer Journalist und Friedensaktivist, der für die Zwei Staaten Lösung eintritt und Ilan Pappé, israelischer Historiker und Universitätsprofessor, der für die Ein Staaten Lösung argumentiert. Die Übung zeigte, wie vielfältig sich die Akteurslandschaft in diesem Konflikt darstellt und wie verschieden ihre Einschätzung auch bei den ausgewählten Vertretern war, besonders was die Rolle der internationalen Gemeinschaft und der Flüchtlinge betrifft.

Die zweite Phase widmet sich einer Kontextanalyse von Machtverhältnissen, Hindernissen und Ressourcen. Es soll noch weiter hinter die Ziele der Akteure geblickt werden, um die zugrunde liegenden Grundbedürfnisse in Erfahrung zu bringen. Graf arbeitet hier mit dem komplexen Grundbedürfnismodell nach Irving Yalom, das zwischen psychischen (Freiheit versus Angst vor Freiheit), physischen (Überleben versus Tod), kulturellen (Sinn versus Sinnlosigkeit) und sozialen (Gemeinsamkeit versus Einsamkeit) Grundwidersprüchen unterscheidet. Graf geht von der Annahme aus, dass Grundbedürfnisse universell sind und daher als verbindendes Glied auch zwischen Konfliktparteien fungieren können. Anhand dieser Basis könne gemeinsam Neues definiert werden. Als Übung waren die Studierenden dann vor die Aufgabe gestellt, die unterschiedlichen Grundbedürfnisse hinter den Lösungsperspektiven (1 oder 2 Staatenlösung) von Avnery und Pappé zu identifizieren.



Phase III beinhaltet eine kontextsensitive Konfliktlösung mit dem Ziel sich von dem Feindbild zu lösen und neue Emotionen und Annahmen zu entwickeln. Aus der Anerkennung der gemeinsamen Grundbedürfnisse bzw. dem Zugeständnis an die gegnerische Partei ebenso aufgrund von menschlichen Bedürfnissen zu handeln, sollen neue gemeinsame Werte und ein neues gemeinsames Ziel geschaffen werden. Graf hob die Wichtigkeit von kreativen Lösungsansätzen hervor, in der die Bedürfnisse beider Parteien Platz finden und auch das „Sowohl als auch“ gesehen wird.
Neben der inhaltlichen und methodischen Fülle dieser zwei Tage beeindruckte ebenso Wilfried Grafs reichhaltiges Wissen über den konkreten Konflikt (er lebt seit vier Jahren in Jerusalem) sowie sein Optimismus: Nur fünf Prozent aller Konflikte seien nicht lösbar, zitierte er seinen Mentor Kelman. Transformierbar sei jedoch ein jeder.

Der Lehrgang – ein Blick in die Zukunft


Das Thema des Nah-Ost-Konflikts wird die Lehrgangsgruppe noch weiter beschäftigen. Im Oktober 2013 findet das 3. Modul in Form einer einwöchigen Studienreise nach Jerusalem statt. Demzufolge stand der letzte Tag auf der Burg Schlaining im Zeichen der Reisevorbereitungen sowie des weiteren Ablaufs im kommenden Studienjahr. Nachdem die ersten beiden Module die Rahmenbedingungen für Weltentwicklung im Blickpunkt hatten, werden sich die weiteren Phasen des Lehrgangs verstärkt mit dem Thema Bildung, also Global Citizenship Education, beschäftigen.
 

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