• 02.05.2013Seite Drucken

Bankenkrise aufgestellt

Die seit 2007 aufeinander folgenden Finanzmarktkrisen lassen bei vielen ein Gefühl der Ohnmacht entstehen. Was kann eine engagierte Zivilgesellschaft tun, fragte Jean-Marie Krier (KommEnt) in seiner Einleitung der Querdenkerei „Bankenkrise aufgestellt“ am 11. April 2013. Nach einer inhaltlichen Einführung von Walter Ötsch, widmeten sich die TeilnehmerInnen der Bankenkrise in Form einer politischen Aufstellung angeleitet von Christa Renoldner.


Einen spannenden Input lieferte zu Beginn Walter Ötsch, Leiter des Instituts für die Gesamtanalyse der Wirtschaft (ICAE) an der Johannes Kepler Universität Linz, das sich einem transdisziplinären Zugang zu Wirtschaft verschreibt. Der Fokus des Instituts liegt auf den im Wirtschaftsbereich tätigen Institutionen und ihren Netzwerken. Wichtig seien aber vor allem die Denkweisen, die hinter der Gestaltung des Wirtschafts- und Finanzsystems stehen.

Als Beispiel nannte Ötsch den Begriff der Marktwirtschaft, der insofern falsch sei, als viele wirtschaftliche Aktivitäten nicht Teil des Marktes seien – so zum Beispiel die Geschäfte zwischen den Banken.

Die Akteure des Finanzkapitalismus

Ötsch startete mit einer Kritik an der Darstellung der Bankenkrise in Politik und Medien: Der große Regulierungsdiskurs lenke den Blick auf die Banken selbst, dahinter gäbe es aber auch die sog. Schattenbanken, die nicht der Regulierung unterliegen. Sie stellten aber gemeinsam mit den Banken ein Banken-Schattenbanken-System dar. Dieses System sei exponentiell gewachsen und die wahre Ursache der Krise 2006/2007. Ötsch zählte einige Elemente der Schattenbanken auf: Hedge Fonds, Private Equity Fonds, Staatsfonds, Zweckgesellschaften, Geldmarktfonds.
Als weitere zentrale Akteure dieses Institutionen-Netzwerkes nannte er multinationale Konzerne, Ratingagenturen, Nationalbanken, die EU Kommission sowie internationale Organisationen wie IWF und G20. Etwas sarkastisch bemerkte der Ökonom, dass all diese Akteure mittlerweile nicht mehr „too big to fail“ (zu groß, um zu scheitern) seien, sondern „too big to jail“ (zu groß, um sie vor Gericht zu bringen).

Die Offshore Ökonomie

Der LIBOR (London Interbank Offered Rate) ist der täglich festgelegte Referenzzinssatz im Interbankengeschäft also der Zinssatz bei Geschäften zwischen Banken. Der LIBOR ist jener Zinssatz, mit dem sich Banken gegenseitig und direkt Kredite geben. Der LIBOR bildet aber auch die Grundlage für zahlreiche Finanzgeschäfte sowie für Kredite. Dieser Satz wird von den großen Banken nach eigenen Angaben und ohne jede öffentliche Kontrolle festlegt. Heute weiß man, dass der LIBOR seit Jahren von den großen Banken systematisch zu ihrem Vorteil verfälscht worden ist.
 Auch bezüglich der Debatte rund um Steueroasen hatte Ötsch nichts Gutes zu berichten: Die Hälfte des Welthandels fließe heute durch Offshore-Staaten, hauptsächlich, um Steuern zu sparen. Am Beispiel von Google zeigte er auf, wie verschiedene Steueroasen von den Bermudas über Silicon Valley, weiter nach Irland, und wieder zurück in die USA zielgerichtet genutzt werden. „Die großen Konzerne und die ganz Reichen zahlen keine Steuern mehr. Das war gestern“, so Ötsch zusammenfassend. Um die 20-25 Billionen Dollar gehe in diesen „Verdunkelungsoasen“ unter. Da die Steuereinkünfte aus Kapital und Vermögen sinken, liege die große Last auf der Mittelschicht. In den USA zahle ein Drittel der Bevölkerung schon keine Steuern mehr.

Wer regiert die Welt?

Weit verbreitet sei die Annahme, das Finanzkapital regiere die Welt. Ötsch widersprach dieser Anschauung vehement. Die Politik regle all diese Systeme. Auch die Offshore Ökonomie sei legal. Letztlich sei es immer die Politik, die das Sagen habe. Und es ist klar geworden, dass das Bankensystem und der Finanzmarkt klare Regeln brauchen. Ötsch diagnostizierte eine Zeit der politischen Unrast und forderte ein Primat der Politik über die Ökonomie, denn die nächste Krise komme bestimmt.

Systemische Aufstellung

Nach diesen geballten Informationen ging es daran, die Bankenkrise mittels einer politischen Aufstellung sichtbar zu machen. Christa Renoldner, Psychotherapeutin, Supervisorin und Trainerin für systemische Aufstellungsarbeit, erklärte kurz die Methode der politischen Aufstellung. Ähnlich wie bei Organisations- und Familienaufstellungen nutzt sie die sogenannte „repräsentierende Wahrnehmung und Empfindung“ und stellt ein Gruppensimulationsverfahren dar („man tut so, als ob“). Aufstellungen sind heute in der Organisationsberatung nicht mehr wegzudenken, während ihr Einsatz in der politischen Arbeit und als Forschungsmethode noch eher neu ist. Christa Renoldner hat darüberhinaus als spezielle Form politischer Aufstellungen die „Grundbedürfnis-Aufstellung“ entwickelt.

Was braucht der Mensch?

Die TeilnehmerInnen einigten sich zu Beginn darauf, welche Akteure sie – in Bezug auf die Bankenkrise – in der Aufstellung als wichtig erachten. Genannt wurden: die BewohnerInnen Österreichs, die Zivilgesellschaft, die PolitikerInnen, die kleinen Anleger, die großen Anleger, die Jugend und die Banken. Anschließend führte Renoldner kurz in das Grundbedürfnis-Konzept des chilenischen Ökonomen Manfred Max Neef ein. Max-Neef geht dabei von zehn Bedürfnissen aus,
die als „System“ anzusehen sind. Alle Bedürfnisse sind miteinander vernetzt, verbunden und interaktiv.
Für die Aufstellung als relevant erachtet wurden: Überleben, Verstehen, Partizipation, Kreativität, Muße, Identität, Freiheit, Träumen & Transzendenz (nicht gewählt wurden Schutz und Zuneigung). Die Personen, die diese Bedürfnisse „repräsentierten“, stellten sich in einem Außenkreis auf, innen positionierten sich die RepräsentantInnen der verschiedenen Akteure.
Zuerst sollten die RepräsentantInnen in ihrer Körperwahrnehmung nur auf ihre Position im Raum achten. In einem zweiten Schritt wurden die Beziehungen zu den anderen Akteuren wahrgenommen. Unter der erfahrenen Anleitung von Renoldner ergab sich daraus ein spannendes Bild von „Ineinander-in-Beziehung-treten“ und „Aufeinander-reagieren“. So wollten beispielsweise die Banken die Politik immer gerne im Auge haben, während die großen Anleger sich in den letzten Winkel des Raumes stellten. Am Ende war klar, dass die Politik unterstützt werden müsse und ein zusätzlicher Repräsentant verkörperte mit seiner stützenden Hand im Rücken der Politik deren Unterstützung und Stärkung.



Die Politik stärken!

Walter Ötsch fasste seine Eindrücke abschließend in Form von fünf Interpretationen zusammen:
1. Deutlich wurde die „Parallel-Wirklichkeit“ der Großanleger.
2. Die Banken wurden als Grundbedürfnis wahrgenommen (sie rutschten während des Tuns immer wieder in den Kreis der Grundbedürfnisse). Dies zeige die Herrschaft des Geldes.
3. Die Dynamik ging von den Jungen aus, dies gebe Anlass zu Hoffnung.
4. Sobald die Großanleger näher heranrückten, wurden sie zu Personen und es war klar, dass es nicht um Finanzkapital, sondern um Personen geht.
5. Es gehe darum, die Politik zu stärken. Dies nannte Ötsch einen paradoxen Vorgang, da die Politik derzeit vieles falsch mache, dennoch oder gerade deshalb brauche es einen Prozess der Repolitisierung und der Redemokratisierung. Hier sei auch die Zivilgesellschaft gefordert.

Infos:
Lesen Sie mehr über die Methode der politischen Aufstellung in einem Beitrag von Christa Renoldner im Magazin für Erwachsenenbildung: Komplexe Inhalte sichtbar und spürbar werden lassen. Aufstellungen zu globalen und politischen Themen als Methode der Erwachsenenbildung

interessante Blogs:
www.nachdenkseiten.de

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