• 19.12.2012Seite Drucken

Bildung für WeltbürgerInnen

Kann Global Citizenship Education ein integrativer Ansatz für die "politischen Pädagogiken" sein? Diese Frage stellte Werner Wintersteiner bei seinem Vortrag im Rahmen der Fachtagung „Globales Lernen in Österreich“ in den Raum. Auf der Suche nach einer Pädagogik für das 21. Jahrhundert diskutierte er Global Citizenship Education als Konzept, welches politische Bildung, Friedenspädagogik und Globales Lernen unter einen Hut bringt.


Werner Wintersteiner ist Professor für Deutschdidaktik an der Universität Klagenfurt und Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Alpen-Adria Universität Klagenfurt. Mit dem Bildungskonzept der Global Citizenship Education, der Erweiterung des Globalen Lernens durch den Begriff "Citizenship" im Sinne politischer Teilhabe, unterstrich er die politische Komponente von Prozessen globalen Lernens. Sowohl Lernende, die in einer Welt voller Konflikte aber auch Chancen aufwachsen und in ihr solidarisch leben lernen sollen, als auch die entsprechende Verantwortung der Lehrenden spielen für ihn eine zentrale Rolle.



Ausgangspunkt seines Vortrags war der Paradigmenwechsel, der mit dem Konzept der Global Citizenship Education einhergehe. Dieser müsse bei den Wurzeln des bestehenden Bildungssystems ansetzen: Es gehöre geprüft, inwieweit bis heute alte und teilweise überkommene Traditionen den „Mainstream“ unserer Lernkultur prägen. Global Citizenship Education könne dann sowohl auf Unterrichtsebene als auch als Richtlinie für die Entwicklung des gesamten Bildungswesens angesiedelt werden. Global Citizenship Education sei also mehr als ein theoretisches Konzept. Sie sei Praxis geworden.

PISA und UNESCO

Gegenwärtig stünden sich zwei Paradigmen gegenüber, die auf unterschiedliche Weise den bildungspolitischen Herausforderungen der Weltgesellschaft zu begegnen suchten. Mit den Fragen „Wie können wir uns fit für die Globalisierung machen? Wie können wir besser sein und werden (als die anderen)?“ verfolge das PISA-Paradigma der EU Lissabon-Strategie einen wettbewerbsorientierten Ansatz. Bildung sei der Königsweg zu dem erklärten Ziel, durch Wissen zur global stärksten und machtvollsten Region zu werden.

Dem Gegenüber gehe das UNESCO-Paradigma von der Fragestellung aus, wie wir auf ein Zusammenleben in der globalen Weltgesellschaft vorbereitet sind. Dazu seien bereits viele Dokumente und Arbeitsgruppen entstanden, die sich mit Bildung in den Bereichen Frieden, Nachhaltigkeit und Interkulturalität befassen. Menschenrechtliche Aspekte würden hier mehr berücksichtigt und der Ansatz sei generell weiter gefasst.

Im österreichischen Bildungswesen, so Wintersteiner, fände sich eine Kombination beider Paradigmen.

Auf dem Weg zur Weltgesellschaft?

Um sein Verständnis von Weltgesellschaft zu erläutern, kontrastierte Wintersteiner dieses an der häufig lediglich metaphorischen Verwendung des Begriffes durch jene, die es sich aufgrund einer machtvolleren Position leisten könnten, davon zu sprechen. Wirkliche Weltgesellschaft sei jedoch vielmehr als eine Art "Weltinnenpolitik", als neuer Kosmopolitismus zu verstehen. Eine Zielvorstellung, die durch gemeinsame politische und demokratische Entscheidungen und Handlungen bestimmt sei; in der alle mit gleichen Rechten ausgestattete Verbündete in einem durch Solidarität und Gleichberechtigung geprägten System seien.



Wie sind wir nun pädagogisch auf diese Weltgesellschaft vorbereitet und auf welche bildungspolitische Realität schauen wir in Österreich? Welche Paradigmen beherrschen unser Bildungssystem? Bei diesen Fragen sei besonders auf den nationalen und kosmopolitischen Habitus der Bildungsparadigmen zu achten. Rückblickend stellte Wintersteiner dazu fest, dass das österreichische Bildungssystem in den letzten 200 Jahren vornehmlich Ideen zur Entwicklung nationaler Bildung hervorgebracht habe. Er kritisierte, dass besonders nationalorientiertes Denken die Bildungslandschaft geprägt habe und sie nach wie vor präge. Das zeige sich allein an der behandelten Literatur. Werke internationaler AutorInnen fänden viel zu selten Einzug in den Unterricht. Umfragen mit österreichischen Lehrenden hätten zudem ergeben, dass das Wissen über politische Partizipation zwar als wichtig erachtet, tatsächliche Teilhabe der SchülerInnen an ihrer eigenen Bildung jedoch für unwesentlich gehalten würde.

Flüchtlinge als politisch Handelnde

Würde diese Situation nicht ausreichend reflektiert, sei ein Umdenken nicht möglich und die Folge das Verharren in alten Mustern. Zwangsläufig stelle sich hier die Frage, ob das Bildungswesen für die Weltgesellschaft mit ihren neuen Herausforderungen gerüstet sei. Genau hier knüpft die Global Citizenship Education an und versucht, die bisher nationale Ausrichtung der Bildungsinhalte perspektivisch auf die Weltgesellschaft auszudehnen.

Beispielsweise würden Flüchtlinge nicht mehr als hilflose Opfer sondern durch den Paradigmenwechsel als politisch Handelnde, denen man solidarisch gegenüber stehe, dargestellt und wahrgenommen. Thematiken wie Solidarität, Menschenrechte und Gerechtigkeit müssten im Schul- und Unterrichtssystem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden, um die politische Komponente interkultureller und globaler Pädagogiken zu unterstreichen.

Bildung und Erziehung beschreibe dann für Wintersteiner nicht nur die Bewusstwerdung unseres Heimatlandes Erde, sondern sorge auch dafür, dass sich dieses Bewusstsein in unserem Willen, die Erdenbürgerschaft zu verwirklichen, niederschlägt. Wissen sei folglich Handlung und Handlung befähige zum Einsatz für mehr Gerechtigkeit in einer möglicherweise entstehenden wirklichen Weltgesellschaft.
 

Charlotte Kottusch

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