• 18.12.2012Seite Drucken

Schule in und für eine Weltgesellschaft

Im Rahmen der Bundes-Fachtagung „Globales Lernen in Österreich – Potenziale und Perspektiven“ am 3. Dezember 2012 hielt Gregor Lang-Wojtasik von der Pädagogischen Hochschule Weingarten einen umfassenden Vortrag zur Rolle der Schule in der heutigen Weltgesellschaft und den Konsequenzen für die LehrerInnenbildung.


Weltgesellschaft – Eine Bestandsaufnahme

Fukushima, Panzer, „Arabischer Frühling“, Rettungspakete: Das sind nur einige von vielen Symbolen, die für aktuelle globale Themen wie Energieversorgung, Sicherheit, Demokratie und Armutsbekämpfung stehen. Diese Phänomene und Zusammenhänge der Weltgesellschaft, wie Lang-Wojtasik sie beschrieb, seien für alle Menschen bedeutend, allerdings blieben die jeweilige Wahrnehmung und daraus resultierende Konsequenzen durch unterschiedlichste Lebenskontexte geprägt.


Lang-Wojtasik definierte die Weltgesellschaft in räumlicher, sachlicher, zeitlicher und sozialer Dimension. Räumlich gesehen gehe es um parallele Bewegungen von „Entgrenzung“ und „Glokalisierung“, die in den neuen Netzwerkstrukturen sichtbar werden und die eine enge Verflechtung von lokaler und globaler Entwicklung ermöglichen bzw. erfahrbar machen. Auf der sachlichen Ebene stehe die Weltgesellschaft Phänomenen von Komplexität und Kontingenz in beispielsweise Wirtschafts- und Arbeitswelt gegenüber, die vermehrt Unwissen und damit verbundene Unsicherheiten aufkommen lassen: Warum wird welche Entscheidung getroffen und wie wird sie begründet? Zeitlich betrachtet ist „der soziale Wandel schneller geworden als die Zeitspanne eines Generationenwechsels“, stellte Lang-Wojtasik fest. Und sozial gesehen scheinen Konflikte zwischen traditioneller Konstanz und modernem Fortschritt unvermeidbar. Zusätzlich gehe es einerseits vermehrt um individuelle und heterogene Lebensentwürfe, andererseits würden verschiedenste Lebenswelten vereinheitlicht, so Lang-Wojtasik.

Lernherausforderungen: Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz

Informations- und Optionsvielfalt stelle die Weltgesellschaft aber auch vor erschwerte Bedingungen was Orientierung und Handlungsfähigkeit anbelangt. Aufgrund der stetig zunehmenden Komplexität von Informationen muss die Gesellschaft auch lernen, das wachsende Nichtwissen auszuhalten. In Bezug auf eine immer öfter ungewisse und unplanbare Zukunft als Ergebnis von Entzeitlichung und beschleunigtem sozialen Wandel gelte es, auch die bisher bewährten Strategien kritisch zu hinterfragen. „Selbst-, Sach- und Sozialkompetenz“ seien gefordert, die „weit über den psychologisch anmoderierten, auf Leistungsmessung enggeführten Kompetenzdiskurs des letzten Jahrzehnts hinausgehen“, so Lang-Wojtasik.



In Situationen der Gewissheit und Ungewissheit bedürfe es insbesondere offener und dialogischer Begegnungen. Diese trügen zu gerechtem sowie nachhaltigem Handeln bei und ermöglichten es, vernetzt zu denken sowie mit Komplexität umgehen zu lernen. Wissen und Nichtwissen könne nur mit einer gewissen Toleranz gegenüber Ambiguitäten und Frustrationen ausgehalten werden, aber auch interdisziplinäres Arbeiten und kritisches Denken seien zentrale Kompetenzen in der Weltgesellschaft. Um multiperspektivisch an Vertrautheit und Fremdheit herangehen zu können, seien nach Lang-Wojtasik, Empathie und ein Perspektivenwechsel in Kommunikation und Mediennutzung sowie heterogene Zusammenarbeit in Gruppen wichtig.

Schule als Ort der Chancen

Wollen wir das machen, was vorgegeben ist oder im gegebenen Raum etwas anderes tun? Lang-Wojtasik beschrieb die Schule als einen vom Alltag abgegrenzten Raum, in dem ausprobiert und die Gesellschaft weiterentwickelt werden könne. Natürlich würde sie mit internationalen Tendenzen konfrontiert, aber sie müsse dennoch auch als Chancenort der persönlichen Horizonterweiterung gesehen werden. Schule solle ein interaktiver, schützender und schonender Raum sein. Das Tun miteinander solle konkret gefördert sowie die Herausforderungen der außerschulischen Welt wohldosiert an die Lernenden herangebracht werden. Veränderte organisatorische Rahmenbedingungen in Richtung mehr Autonomie für SchülerInnen, Lehrende und für die Schule an sich seien dafür unabdingbar.

Das Konzept Globales Lernen deutete Lang-Wojtasik als Reaktion auf die Entwicklungen der Weltgesellschaft. Die zentrale Frage sei hierbei, welche Bedeutung der Mensch bei der Gestaltung der Welt spielen kann und soll. Für die konkrete pädagogische und didaktische Umsetzung brachte Lang-Wojtasik den TeilnehmerInnen ein zirkuläres Modell von Fakten, Orientierung und Handlung nahe. Die drei Bereiche müssten als miteinander verflochten verstanden werden, nur so können sie den Anschluss an eine komplexe Weltgesellschaft erleichtern. Gewaltfreie Kommunikation, Wertschätzung und Empathie nannte der Vortragende als Schlüssel zum dafür notwendigen dialogischen Prozess.

Perspektiven für die LehrerInnenbildung

Im Hinblick auf die Forschung zu LehrerInnenbildung müssten zunächst einmal alle Theorien auf den Prüfstand gestellt und die Funktionen von Wissen und dem (risikoreichen) Umgang damit bewusst gemacht werden. Lang-Wojtasik schlug diesbezüglich Entschleunigung, die Konzentration auf das Wesentliche zwischen Theorie und Praxis sowie die Relevanz inter- und intradisziplinäre Forschung vor. Auf Studium und Lehre bezogen ging es dem Professor der PH Weingarten vor allem um die unabdingbare Ausbildung „glokaler Kontakte“ und um regionale Vernetzung. Er wünschte sich dafür eine entsprechende Einbettung ins Bildungsprogramm sowie die Internationalisierung des LehrerInnenstudiums. Auch die Förderung sozialer Querschnittkompetenzen sei zentral. Vorhandene und nutzbare Verbindungen zwischen Fachdidaktiken, Grundlagen- und Bildungswissenschaften, wie es Lang-Wojtasik beschrieb, „bieten in Pädagogische Hochschulen eine herausragende Möglichkeit, sich angesichts einer zukunftsorientierten Lehrendenbildung auf gemeinsame Eckpunkte zu verständigen, die den Rahmen zur Entfaltung von Vielfalt und kollektiver Identität ermöglichen.“

Lilli Malin Röth
 

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