• 17.12.2012Seite Drucken

Globales Lernen – Potenziale und Perspektiven

Lehren und Lernen im Kontext der Weltgesellschaft stellt die Schule täglich vor neue Herausforderungen. Was bedeutet dies für zeitgemäße Unterrichts- und Schulentwicklung sowie für die LehrerInnenbildung? Die Bundes-Fachtagung „Globales Lernen in Österreich – Potenziale und Perspektiven“ am 3. Dezember 2012 setzte sich mit entsprechenden Perspektiven auseinander und bot dazu Einblicke in europaweite Strategien und den österreichischen Diskurs.



Foto Gerald Faschingeder

Gut 170 Personen folgten der Einladung in die Pädagogische Hochschule (PH) Wien, um die Rolle der Schule in einer „globalisierten, kulturell heterogenen Welt“ zu diskutieren. Das Globale Lernen habe den Weg in die PH Wien gefunden, freute sich Rektorin Ruth Petz in ihrer Begrüßungsansprache. Helmuth Hartmeyer, Leiter der Abteilung „Entwicklungspolitische Kommunikation und Bildung in Österreich“ bei der Austrian Development Agency gab Einblicke, wie sich das Bildungskonzept Globales Lernen in Österreich entwickelt hat. Mit einem kurzen Bericht von zwei internationalen Tagungen, der  Konferenz des Nord-Süd-Zentrums des Europarats in Lissabon im Sept. 2012 (siehe dazu auch hier) sowie vom internationalen Symposium des Global Education Network Europe (GENE) Mitte November 2012 in Den Haag bettete Hartmeyer den Diskurs um Globales Lernen in europäische und internationale Maßnahmen ein. Er erinnerte auch an den vor zehn Jahren stattgefundenen europäischen Kongress in Maastricht, der den Impuls zur Gründung der „Strategiegruppe Globales Lernen“ in Österreich gegeben hatte.


Ruth Petz (PH Wien), Irene Katzensteiner (BMUKK), Helmuth Hartmeyer (ADA)

Auf vier Reflexionsebenen

Herausforderungen für die Schule in der Weltgesellschaft nannte Gregor Lang-Wojtasik von der Pädagogischen Hochschule Weingarten in Deutschland zur Genüge: Ankerlosigkeit, Entgrenzung und Glokalisierung, Komplexität und Kontingenz sowie Beschleunigung und Entzeitlichung waren die großen Schlagwörter, mit denen er die aktuelle Lage der Welt zu fassen versuchte. Doch wie soll damit in der Schule umgegangen werden?

Lang-Wojtasik unterschied hierzu vier Reflexionsebenen: 1) Offenheit & Begrenzung, 2) Wissen & Nicht-Wissen, 3) Gewissheit & Ungewissheit, 4) Vertrautheit & Fremdheit. Er verstehe Schule als Ermöglichungsraum, als einen Ort des Umgangs mit Wissen und Nicht-Wissen. Schule solle nicht nach einfachen und endgültigen Antworten sondern nach einem Anschluss an die variationsreiche Weltgesellschaft suchen. Der Weg dorthin folge dem Dreischritt von Fakten, Orientierung und Handeln, den Lang-Wojtasik für jede der vier Reflexionsebenen durchdeklinierte. Sein Konzept des Globalen Lernens, dies wurde deutlich, ist damit nicht rein kognitiv orientiert, sondern will eine wertbegründete Beurteilung ermöglichen und zum Handeln ermutigen. Insofern ist Globales Lernen bei Lang-Wojtasik eine politische Pädagogik.


Gregor Lang-Wojtasik und Werner Wintersteiner

Global Citizenship Education


Diese kritische pädagogische Orientierung vertrat auch Werner Wintersteiner vom Zentrum für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Universität Klagenfurt. Er stellte das Konzept der Global Citizenship Education als integrativen Ansatz für die politischen Pädagogiken vor. Diese positionierte er im Spannungsfeld zweier aktueller Paradigmen: Zum einen strebe das PISA-Paradigma danach, Lernende – und Volkswirtschaften – fit für den Wettbewerb zu machen. Auch die sozialen und kognitiven Kompetenzen dienen im Rahmen dieses Paradigmas letztendlich dem Wettbewerb. Im Gegensatz dazu stehe das UN- bzw. UNESCO-Paradigma, das sich an der Frage orientiert, ob wir auf das globale Zusammenleben in der Weltgesellschaft vorbereitet sind. Die typisch österreichische Lösung sei es, beide Wege zu kombinieren: Soziale sowie kognitive Kompetenzen sollten auf die Weltgesellschaft vorbereiten.

Was aber meinte Werner Wintersteiner mit der Metapher der Weltgesellschaft? Er verwende sie als Begriff visionären Charakters, im Sinne eines neuen Kosmopolitismus, der als Weltinnenpolitik zu verstehen sei. Hier wurde Wintersteiners friedenspädagogischer Ansatz erkennbar, mit dem er in weiterer Folge einen nationalorientierten pädagogischen Habitus kritisierte. Studien belegten, so Wintersteiner, dass in der österreichischen Schule politische Teilhabe weiterhin ein Fremdwort geblieben sei – auch wenn sich die Lehrkräfte zu Partizipation als politischem Wert bekennen. Der Ansatz der Global Citizenship Education solle daher deutlicher die Themen Gerechtigkeit, Gleichheit und Menschenrechte in die Schule einbringen. Die Befähigung, die eigene Gesellschaft zu gestalten, schließe ein, auch anderen Menschen Handlungsfähigkeit zuzusprechen.

Vertiefung und Ermutigung


Am Nachmittag wurden fünf Arbeitsgruppen angeboten, in denen die TeilnehmerInnen die am Vormittag angesprochenen Fragen vertieften. Debattiert wurde dort unter anderem die Frage der pädagogischen Kompetenzmodelle, die Herausforderung durch Mehrsprachigkeit sowie Fragen der LehrerInnenbildung und der Schulentwicklung.

Zum Abschluss der Tagung richtete Hanspeter Huber,  Sektionschef im Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur, Grußworte an die TeilnehmerInnen. Er gratulierte nicht nur den VeranstalterInnen zur gelungenen Tagung, sondern ermutigte auch dazu, Globales Lernen in alle schulische Ebenen einzubringen. Interkulturelles und interreligiöses Lernen sowie Mehrsprachigkeit seien aktuelle Herausforderungen, die fachlich reflektierte Auseinandersetzung erfordern.

Globales Lernen ist ein Menschenrecht

Helmuth Hartmeyer betonte zum Schluss der Tagung, dass es gute Gründe für Globales Lernen gebe, seien doch die Menschen seit dem Fall der Berliner Mauer noch mehr miteinander verbunden als vorher. In einer Zeit der multiplen Krisen bleibe soziale Gerechtigkeit die wesentliche Grundlage auch der Pädagogik. Es gelte, Wissen kritisch zu reflektieren, dialogisch zu erschließen und in Handeln umzusetzen. Die gegenwärtige Unsicherheit sei nur mittels eines konstruktiven und optimistischen Umgangs damit auszuhalten. Globales Lernen, so Hartmeyer, sei ein Menschenrecht!

Gerald Faschingeder

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