• 04.12.2012Seite Drucken

Global Citizenship Education – Bildung in einer globalisierten Welt

Was braucht eine zeitgemäße Bildung, um den Anforderungen einer stetig komplexer werdenden globalisierten Welt gerecht zu werden? Eine mögliche Antwort stellt das Bildungskonzept Global Citizenship Education dar, das Politische Bildung, Globales Lernen und Friedenspädagogik zu einem integrativen Konzept vereint. Erstmals wird dazu nun an der Universität Klagenfurt ein Master Studiengang angeboten.


Das Interesse daran war groß: 37 TeilnehmerInnen setzten sich beim ersten Modul in St. Georgen am Längsee/Kärnten vom 25. - 29. November 2012 mit Fragen von Globalisierung, Demokratie, Kosmopolitismus und vielem mehr auseinander. Das inhaltlich sowie methodisch vielseitige Programm ließ auch Raum zum Kennenlernen und zum Austausch zwischen den Teilnehmenden, die alle ihre verschiedenen beruflichen und privaten Erfahrungen – sei es aus Schule, Pädagogischer Hochschule oder aus NGO-Arbeit – zum Thema mit- und einbrachten. Die fünf Tage spielten alle Register methodischer Vielfalt: vom klassischen Vortrag mit Gruppendiskussion bis hin zum kreativen Arbeiten mit Karten, Filmanalyse und Weltcafé.



Verbindungen zwischen...

Ein Tag widmete sich dem Thema zeitgemäßer Bildung und führte in die drei Ausgangskonzepte, die von den drei Personen des Leitungsteams verkörpert werden, ein.

Friedenspädagogik...

Werner Wintersteiner, Leiter des Zentrums für Friedensforschung und Friedenspädagogik der Universität Klagenfurt, stellte die wichtigsten Begriffe seines Bereiches vor. Es gehe darum, Gewalt zu diagnostizieren und zu reduzieren; es gebe zu viele soziale Lebensformen in denen Gewalt als etwas Normales angesehen wird. Hier eine Transformation zu erreichen, sei eine langfristige und vielfältige Aufgabe, die Wintersteiner die Erarbeitung einer „Kultur des Friedens“ nannte. Er unterschied zwischen der eher persönlich verorteten Friedfertigkeit und einer politisch verankerten Friedensfertigkeit, die in dem Begriff der Kultur des Friedens zusammenfinden. In der Schule stelle Friedenserziehung im Fachunterricht einen Teil von Politischer Bildung dar.

Politischer Bildung und...

Diese ist um einiges stärker schulisch verankert, sowohl als Unterrichtsprinzip, als auch als Unterrichtsfach in Berufsschulen, wie Gertraud Diendorfer vom Demokratiezentrum Wien erklärte. Bereits 1945 war Staatsbürgerkunde, allerdings im Sinne einer staatsbürgerlichen-patriotischen Erziehung, im Klassenzimmer präsent. Maßgebend für die derzeitige politische Bildungsarbeit ist das Kompetenzmodell politische Bildung, das sich in politische Sachkompetenz, Urteilskompetenz, Methodenkompetenz und Handlungskompetenz unterteilt.

Globalem Lernen suchen

An diesem Modell orientiere sich auch das Globale Lernen, so Heidi Grobbauer (KommEnt – Kontaktstelle Globales Lernen). Verortet in der Politischen Bildung stehe hier die politische Partizipation im globalen Kontext als Ziel im Mittelpunkt. Das Bildungskonzept Globales Lernen, das sich in den 1990er Jahren aus der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit der NGOs formte, stelle sich die Frage, wie pädagogisch angemessen auf die Komplexitätssteigerung unserer globalisierten Welt reagiert werden kann.

In allen drei Konzepten wird Politische Bildung und eine aktive, verantwortungsvolle Bürgerschaft als zentraler Wert gesehen. In der Global Citizenship Education darf diese aber nicht an nationalen Grenzen hängenbleiben, sondern soll weltumfassend sein. Dafür griff Wintersteiner den visionären Begriff der „Weltinnenpolitik“ auf, den es zwar in der Realität nicht gebe, als Idee aber schon. Die Welt und die Politik in ihr als Gesamtraum zu sehen, schaffe einen neuen Gesichtspunkt; Global Citizenship Education sei die pädagogische Anwendung zu dieser Idee. Konkret machte er den Begriff von citizenship an drei Aspekten fest: ein bestimmter Status (gebunden an Pflichten und geregelt durch ein Territorium), eine bestimmte Praxis (die sich z.B. durch Teilhabe ausdrückt) und das Gefühl von Zugehörigkeit. Weltweite Solidarität müsste dann nicht eine Ausdrucksform von Barmherzigkeit sein, die oft den „Opfern“ Handlungsfähigkeit abspricht, sondern die politische Mitwirkung an einer Welt, in der man so nicht leben möchte.

Kulturen, die zusammenfließen

 

Für einen Halbtag war der Schriftsteller Ilija Trojanow geladen und gab Einblicke in sein Buch „Kampfabsage: Kulturen bekämpfen sich nicht – sie fließen zusammen“ (2006). Gemeinsam mit dem indischen Dichter und Kulturkritiker Ranjit Hoskote argumentiert Trojanow gegen die weit verbreitete These vom „Kampf der Kulturen“. Die eigene kulturelle Identität und Zugehörigkeit durch Abgrenzung zu definieren sei unsinnig. Identitäten könnten sich leicht ändern, Zuschreibungen würden eher von außen eingefordert werden, während betroffene Personen spielerischer und wandelbarer damit umzugehen vermögen.

Die Abgrenzung von Identitäten sei ein politischer Verhandlungsprozess. Im Grunde ginge es weniger um Grenzen als um Konfluenzen (das Verschmelzen, Zusammenwachsen) und um Hybridität. Als Mann der Worte stellte Trojanow fest, dass hier oft die Sprache fehlt, um veränderte Sichtweisen zu benennen. Denn bei Benennungen finde sich auch oft der Beginn von Gewalt, z.B. den Anderen nur als solchen zu benennen und ihn ausnahmslos auf sein Anderssein zu reduzieren.

Politik – das Bohren dicker, harter Bretter mit Leidenschaft

 

Mit dieser Definition von Max Weber stieg der bekannte Politikwissenschafter Anton Pelinka in seinen Vortrag ein und fügte hinzu, dass Politik auch immer mit Widerstand und Konflikt zu tun habe, da es um die Verteilung knapper Güter gehe. Pelinka verwies auf den US-amerikanischen Politikwissenschafter R.A. Dahl, bei dem citizenship im Mittelpunkt stehe. Erst wenn alle betroffenen Menschen das Recht hätten mitzudiskutieren, könne man von Demokratie sprechen.

Nur leider schrumpfe die Zahl derer, die mitbestimmen können, beständig (Beispiel MigrantInnen). Ist man von österreichischer Politik abhängig, bräuchte man rascheren Zugang zu citizenship. Dahls Vorstellung vom gleichwertigen Stimmrecht wird aber in der Realität durch die Durchsetzung von Interessensgruppen herausgefordert.

Das scheinbar unerschöpfliche Wissen Pelinkas, das die Teilnehmenden tief in politische Realitäten und Machtkämpfe eintauchen ließ, und die abendliche Lesung von Ilija Trojanow aus seinem Roman „der Weltensammler“ waren sicherlich zwei der vielen Highlights dieses ersten Moduls. Weitergearbeitet wird in der Studierendengruppe nun bis zum nächsten Präsenzmodul im Juli 2013 in Form von E-learning und regionalen Arbeitstreffen.

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