• 16.10.2012Seite Drucken

Globales Lernen und Globalgeschichte – eine innovative Verknüpfung

Unter dem Titel „Globalisierung - Globalgeschichte. Perspektiven für Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht“ fand von 28. – 29. September 2012 in den Räumlichkeiten der Universität Salzburg eine spannende Fachtagung statt, die GeschichtsdidaktikerInnen und LehrerInnen zusammenbrachte.


Als zentrales Anliegen formulierte GDÖ Obmann Alois Ecker den Versuch, die beiden Begriffe Globalisierung und Globalgeschichte zueinander in Beziehung zu setzen. Globalgeschichte sei ein stark expandierender Bereich in der Geschichte und die Frage stelle sich, welche Auswirkungen die Debatte auf Curricula und LehrerInnen-Bildung habe.
Heidi Grobbauer und Gerald Faschingeder präsentierten in ihrem Vortrag Zugänge, Erfahrungen und Überlegungen bei der aktuellen Erarbeitung eines Unterrichtsmaterials, das Globalgeschichte und Globales Lernen miteinander verbindet.



Paulo Freire & Globales Lernen

Ausgehend von den zwei pädagogischen Traditionen, die die Arbeit der beiden ReferentInnen prägen – die Pädagogik Paulo Freires und das Globale Lernen  – können kritische Anfragen an Unterrichtspraxis gestellt werden.
Aus der Perspektive des brasilianischen Befreiungspädagogen Paulo Freire kann nach dem verändernden Potential von Bildung gefragt werden: Vermittelt der Unterricht Herrschaftswissen? Trägt schulische Bildung zur Erhaltung von unterdrückenden Strukturen und  Verhältnissen bei  oder versteht  sie sich als emanzipatorisch? Der Geschichtsunterricht spiele hier eine wichtige Rolle, da er das Denken in nationalen Kategorien beeinflusse.
Aus Perspektive des Globalen Lernens stellt sich die Frage, ob es gelingt, SchülerInnen jene Kompetenzen zu vermitteln, die nötig sind, um sich in der stets komplexer werdenden Welt zurecht zu finden. Wie muss Lernen und Lehren gestaltet sein, um jungen Menschen eine Orientierungshilfe zu bieten und sie zur Teilhabe an der Gesellschaft zu befähigen? Als Definition des Globalen Lernens führte Heidi Grobbauer jene der deutschen Pädagogin Anette Scheunpflug an. Demnach hat Globales Lernen das Ziel, pädagogisch angemessen auf die Globalisierung und die damit verbundene Komplexitätssteigerung zu reagieren. Der Fokus liege auf den jeweiligen kontextgebundenen Schlüsselfragen unserer Zeit, die es nicht nur wahrzunehmen und zu verstehen, sondern auch als gestaltbare und historisch gewachsene Prozesse zu erkennen gilt. Als die drei größten Lernherausforderungen formulierte Grobbauer den Umgang mit Komplexität zu lernen und vor allem auch zu lehren, den Umgang mit Unsicherheit und Ungewissheit (Kontingenz) sowie  den Umgang mit Heterogenität.

Globalgeschichte – eine Demutsübung

Globalgeschichte will und kann nicht grundlegend alles in der Welt erfassen. Im Mittelpunkt stehen Prozesse und Beziehungen zwischen einzelnen Weltregionen, um die Abhängigkeit zwischen ihnen zu thematisieren. Als „Demutsübung“ bezeichnete Gerald Faschingeder das Anerkennen dieser Interdependenz. Es gehe um so genannte „Interconnectivity“, was die Verbundenheit und den wechselseitigen Austausch zwischen den Regionen benennt.
Verschiedene globalgeschichtliche Aspekte sind in die Erarbeitung des Unterrichtsmaterials eingeflossen: Auf räumlicher Ebene der Anspruch, alle Weltregionen in den Blick zu nehmen, der quasi von vornherein zum Scheitern verurteilt sei, deswegen aber nicht weniger angestrebt werden müsse. Zeitlich orientiere sich das Material an der longue durée des französischen Historikers Fernand Braudel. Viele Beispiele spielen sich ab 1000 n.Chr. ab, das meiste allerdings ab 1500, mit dem Beginn der europäischen Expansion, die zu dem führt, was heute unter Globalisierung verstanden wird: ein nun 500 Jahre alter Prozess der Expansion der kapitalistischen Ökonomie, ausgehend von Europa.  In diesem Sinn soll das Material einen Beitrag zur „Geschichte der Globalisierung“  im Unterricht liefern.  
Weiters betonte Faschingeder Globalgeschichte auch als heuristisches Prinzip zu verstehen, um den methodologischen Nationalismus  – die Gleichsetzung von Gesellschaft mit Nationalstaat – zu einem Ende zu bringen. Als zentral nannte er weiters die Thematisierung von Herrschaft und Macht, um nicht ideologische Weltbilder zu transportieren. Auch Geschichte sei interessensgeleitet und Transfer impliziere keineswegs Gleichwertigkeit.

Das Unterrichtsmaterial & seine Herausforderungen

Heidi Grobbauer wies im folgenden Teil darauf hin, dass die Auswahl der Themen im Material schwierig und auch zu hinterfragen sei. Welche Themen müssen angesprochen, verstanden werden, um Globalisierung zu verstehen? Die vorgesehenen Kapitel behandeln neun Themen: Raum & Zeit & Weltbilder, die Frage nach den AkteurInnen und Machtverhältnissen in der Geschichte, gesellschaftliche Naturverhältnisse, Bildung und die Zirkulation von Wissen, Ökonomie, Migration, politische und soziale Ordnungen sowie Versöhnung und das Leben nach dem Krieg.
Als Herausforderungen benannte Gerald Faschingeder die thematische Strukturierung des Materials, die sich nicht nach Epochen richte. Da eine gleichwertige Einbeziehung aller Weltregionen schwer zu erreichen sei, sei auch eine gewisse Schieflage nur schwer zu vermeiden. Die Gefahr des Wechsels von einem Euro- zu einem Sinozentrismus bestehe, da beispielsweise China und Indien als alte Schriftkulturen viele Quellen aufweisen, sich die Suche nach schriftlichen Quellen in Lateinamerika und Afrika aber schwieriger gestaltet. Und letztlich verlange die Verbindung zum Globalen Lernen Bezüge zu den Lebenswelten der SchülerInnen. Welche historischen Beispiele aber sind nah genug dran an ihrem Alltag? Ist die Rastafari Bewegung schon veraltet, das Handy aber zu jung, um als historisches Beispiel zu dienen?

Fazit & Diskussion



Als zwischenzeitliches Fazit des Projektes wies Heidi Grobbauer abschließend auf die Tatsache hin, dass die Verknüpfung von Globalgeschichte und Globalem Lernen als Experiment und spannende Herausforderung zu sehen sei, dessen Ergebnis hoffentlich neue Impulse in den Geschichtsunterricht bringt.
In der anschließenden regen Publikumsdiskussion wurde nach dem Referenzsystem des Globalen Lernens  und der Relevanz eines historischen Zuganges gefragt. Grobbauer erwiderte, dass Globales Lernen nicht unpolitisch sein kann und seinen Referenzrahmen in der politischen Bildung sieht. Dieser sei jedoch auch in Entwicklung, beispielsweise ergeben sich durch die aktuelle Zusammenarbeit verschiedener Zugänge (Friedenspädagogik, Politische Bildung, Globales Lernen), im neuen Universitätslehrgang „Global Citizenship Education“ auch Verschränkungen, die den Referenzrahmen umgestalten können.  Globales Lernen lege weiters den Fokus auf das Denken in Alternativen und diese würden eben auch aus der Geschichte kommen. Wie könne man ein weltoffener Mensch ohne historische Bezüge sein, spitzte sie ihr Plädoyer für das Historische zu.
 

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