• 30.09.2012Seite Drucken

Gemeinsam von Brasilien lernen

Ein Abend über Bewegungen, Spannungen, Utopien. Ein Abend über Veränderungen, Komplexitäten und Zusammenhalt. Ein Abend für den Dialog und das gemeinsame Lernen: Am 21. September 2012 ließen sich in Salzburg rund 16 TeilnehmerInnen von Dirk Oesselmann aus Freiburg zum „Querdenken“ anregen.


Im Zentrum der Abendveranstaltung im Rahmen der „Querdenkerei(he)“ der Gesellschaft für Kommunikation, Entwicklung und dialogische Bildung (KommEnt) stand das gemeinsame Nachdenken über politische Alphabetisierung im Sinne Paulo Freires. Dirk Oesselmann, Professor für Gemeindepädagogik an der Evangelischen Hochschule Freiburg, stellte die Frage in den Raum, inwiefern das hier und heute überhaupt noch relevant ist und schlug vor, dass wir in Europa diesbezüglich einiges von Brasilien lernen können. Er erzählte von brasilianischen Basisbewegungen und Projekten, die er selbst miterleben konnte und die grundlegende Veränderungen mit sich brachten. Unter anderem sei es diesen zu verdanken, dass Politik in Brasilien heute aus einer anderen Perspektive gemacht werde, wo politische Beteiligung und Gerechtigkeit als zentrale Werte gelten. Paulo Freire spiele dabei eine entscheidende Rolle, weil er den Bewegungen ein Konzept und eine Methode gibt, um diese zu reflektieren.

Menschen mischen sich immer mehr ein. Aber nicht nur in Brasilien, sondern auch in Europa. Oesselmann beobachtet einen Mentalitätswandel, der den Mythos „Fortschritt“ hinterfragt. Dadurch verändere sich auch das Machtverständnis und die Welt werde differenzierter wahrgenommen. Eine solche Bewegung in Deutschland entstand seines Erachtens beispielsweise rund um das Verkehrsprojekt „Stuttgart 21“, bei der sich Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten gegen den Umbau des Hauptbahnhofs einsetzten. Diese Erfahrungen zeigten für Oesselmann, dass viel Potential für Veränderung besteht und dass wir nun vor der großen Herausforderung stehen, dieses zu nutzen.

Konfliktreiche Bildung
Paulo Freires Ideen und Methoden können dabei hilfreich sein. Ein Dialog, der die Welt reflektieren will, braucht zentrale Themen, über die geredet wird. Die sogenannten „generativen Wörter“ sind eine bewährte freireanische Methode in Bildungsprozessen, die die VeranstaltungsteilnehmerInnen an jenem Freitagabend ausprobierten. In Kleingruppen wurde über zentrale Begriffe (Politik, Utopie, Transformation und Ganzheitlichkeit) diskutiert, die Menschen bewegen. Es gehe dabei jedoch nicht darum, das machte Oesselmann deutlich, Fragen zu beantworten, sondern im Gegenteil, neue zu eröffnen und die TeilnehmerInnen zu provozieren.


Dirk Oesselmann und Moderator Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum Wien)

Dies soll dazu führen, Menschen zu politischen AkteurInnen der Weltgesellschaft zu erziehen. Es liegt dem freireanischen Prinzip zu Grunde, dass die Welt gestaltet worden ist und deshalb auch umgestaltet werden kann. Bildung hat in diesem Sinne die Aufgabe, Utopien zu fördern, Visionen zu erweitern und Spannungen bewusst zu machen. Bildung muss verändern, muss bewegen, muss spannend sein. Sie ist besetzt von ständigen Konflikten, die eng mit Emotionen verbunden sind. Laut Oesselmann braucht es Räume, wo die Arbeit mit genau diesen Spannungen möglich ist und gefördert wird. Nur so können die Utopien an die Realität angepasst werden und nur so kann etwas verändert werden. Gerade in Anbetracht der ständigen Homogenisierung und Standardisierung des Bildungssystems in Europa scheint ein ganzheitliches, befreiendes Lernen utopisch. Gerade deshalb müsse für diese Räume, davon ist Oesselmann überzeugt, immer vehementer gekämpft werden.

Chaos & Utopie
Der Ärger oder die Unzufriedenheit von Menschen birgt für Oesselmann ein spannendes Potential. Genau mit diesen Kräften müsse weitergearbeitet werden. Nicht in Form von Schuldzuweisungen kann Veränderung entstehen, sondern indem die Spannung zwischen Chaos und Utopie thematisiert, indem die Komplexität der Weltzusammenhänge reflektiert wird. Die große Herausforderung ist es, bei all diesen zerstreuenden Elementen, trotzdem auch zusammenzuhalten. Ein erster Schritt in diese Richtung muss es sein, sich selbst und andere wertzuschätzen.



Die eigenen Potentiale können nur in Zusammenhang mit anderen gesehen werden. Deshalb ist es von entscheidender Bedeutung, im Kollektiv zu denken und sich zu bewegen. Oesselmann erzählte von seinen Erfahrungen in Brasilien, wo enorme Kräften genau durch dieses gemeinsame Denken mobilisiert werden konnten. Im kapitalistischen Europa geht das Kollektiv oft verloren. Dies fällt am meisten in der Bildung auf, wo das individuelle Lernen in Form von Prüfungen und Schularbeiten ständig abgefragt wird, dem Lernen in der Gruppe aber wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird. Auch in diesem Sinne können wir also viel von Brasilien lernen. Für Oesselmann ist es entscheidend sich bewusst zu machen, was wir voneinander lernen und wie wir gemeinsam lernen. Auch für Paulo Freire (Unterdrückung und Befreiung, Münster, Waxmann 2008: 28) ist das kollektive Lernen essentiell: „Streng genommen gibt es kein ‚ich denke’, sondern nur ein ‚wir denken’.“

von Shila Auer

Hier finden sie den gesamten Vortrag von Dirk Oesselmann als pdf.

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