• 04.07.2012Seite Drucken

QuerdenkeRei(he) Sumak Kawsay – Die Frage nach dem guten Leben

Heiß war es. Sowohl was die Temperaturen als auch das Thema betraf, das am 28. Juni 2012 im Seminarraum der Bürogemeinschaft E2 diskutiert wurde. Elisabeth Schmid präsentierte ihre Masterarbeit über das indigene Konzept „Sumak Kawsay“ (Leben in Fülle), das 2008 in die ecuadorianische Verfassung aufgenommen wurde. Gerald Faschingeder vom Paulo Freire Zentrum Wien führte durch den Abend.



Elisabeth Schmid

Das Ziel Freiheit

Der Begriff „Sumak Kawsay“ stammt  aus der Quechua Sprache: Sumak, das Schöne, Erhabene; Kawsay, das Leben als aktiver Prozess. Elisabeth Schmid, Betriebswirtin mit mehrjähriger Erfahrung im Bereich Entwicklungszusammenarbeit setzte sich in ihrer Abschlussarbeit zu Interkulturellen Studien an der Donau Universität Krems  mit einem Vergleich zwischen dem Sumak Kawsay und dem Fähigkeitenansatz von Amartya Sen auseinander. Der indische Ökonom sah Einkommen nicht als endgültiges Ziel von Entwicklung, sondern als Mittel um etwas anderes, nämlich Freiheit, zu erreichen. Und Freiheit definierte er als eine größtmögliche Auswahlpalette verschiedener Alternativen im Leben. Diese Überlegungen fanden Eingang in den „Human Development Index“ des UNDP (United Nations Development Programme), der menschliche Entwicklung nicht nur am Pro Kopf Einkommen, sondern an der Lebenserwartung, dem Bildungsgrad und anderen Indikatoren misst. Diesen Ansatz kritisierte Schmid anhand zweier Argumente: Zum einen bliebe der Wachstumsgedanke erhalten, da das Einkommen  als  Mittel zum Ziel einen relevanten Stellenwert beibehielte und so keine strukturelle Veränderung gefordert werde. Zum anderen gehe Sen vom autonomen Individuum aus, unterschätze aber soziale, ökologische und andere Einflussfaktoren.

Natur und Mensch als gleichberechtigte Subjekte

Dem gegenüber sehe der Ansatz des Sumak Kawsay eine Umverteilung der Macht und sehr wohl strukturelle Änderungen vor. Ein gutes Leben kenne auch ein Genug und Wirtschaft müsse auf Solidarität, Reziprozität und Komplementarität basieren, so Schmid. Einer der wichtigsten Bestandteile sei das Verhältnis zwischen Mensch und Natur. Hier erkenne man die durchwegs andere Konzeption von Welt im Vergleich zum christlich geprägten anthropozentrischen Weltbild, in dem der Mensch als Krone der Schöpfung sich die Erde untertan machen solle. Im Sumak Kawsay stehen sich Mensch und Natur gleichberechtigt gegenüber. Diese Gleichstellung von Natur drücke sich auch dadurch aus, dass die Natur ein  Rechtssubjekt werden könne. Anliegen der Natur müssten vor Gericht dann durch die Staatsanwaltschaft vertreten werden.



Vision versus Realpolitik

Schmid wies auf auf einige rechtliche Erfolge des ecuadorianischen Staates gegenüber umweltverschmutzenden Ölkonzernen wie Texaco und BP hin, dennoch gebe es in der gelebten politischen Praxis viele Widersprüche. So sei Erdölförderung immer noch im nationalen Entwicklungsplan verankert. Präsident Correa, der 2006 mit großer Unterstützung der indigenen Bevölkerung die Wahl gewann und sein Versprechen von struktureller Veränderung durch die Aufnahme des Sumak Kawsay in die Verfassung hielt, wolle sich in letzter Konsequenz wohl doch nicht mit den ganz großen Firmen anlegen. Vieles hat er in den letzten vier Jahren umgesetzt – Erhöhung von Mindestlohn und Sozialversicherung, Realisierung von Infrastrukturprojekten; zu dieser Liste zählt aber auch der Ausbau der eigenen Machtposition. Auch an der Umsetzung der Gleichberechtigung wird noch gearbeitet, so fühle sich die afro-ecuadorianische Bevölkerung in  der  als plurinational und interkulturell definierten Gesellschaft nicht ganz ernst genommen. Dennoch, so Schmids Abschlussplädoyer, gebe es viel zivilgesellschaftliches Engagement, das sich für die schrittweise Realisierung der Vision Sumak Kawsay einsetze und letztlich liege es in unser aller Macht, das gute Leben zu einer gemeinsamen Praxis zu machen.

Kapitalismus-Crash?

In seinem Kommentar verwies Hans Holzinger-Grabenschweiger  von der Robert-Jungk-Bibliothek auf die  großen Defizite des Konsumkapitalismus: Die Mehrheit der Menschen sei von dessen Errungenschaften ausgeschlossen, es werde ein Raubbau an der Natur begangen und führe letzten Endes nur zu bedingter Zufriedenheit der Menschen. Schon Adam Smith habe auf die Grenzen des Wirtschaftswachstums hingewiesen und die Postwachstumsökonomie fordere eine strikte Umverteilung von Vermögen und Einkommen. Der Kapitalismus werde voraussichtlich nicht crashen, aber grundlegende Reformen brauche es sowie das Primat der Politik über die Wirtschaft, so Holzinger-Grabenschweiger Die Frage stelle sich, ob eine Mischform von Sumak Kawsay und Kapitalismus möglich wäre. Mit einer Antwort, wie dies konkret aussehen könne, stehe Ecuador noch am Anfang.



Die Fragen und Kommentare aus dem Publikum griffen sehr  verschiedene Themen auf. Die Schwierigkeit von Übersetzungen wurde angesprochen, in diesem Fall eine doppelte Übersetzung vom Quechua ins Spanische „buen vivir“ hin zum Deutschen „guten Leben“. Vieles gehe dabei verloren und eigene europäische Konzepte wie „Nachhaltigkeit“ oder „Entwicklung“ würden sofort mitschwingen. Eine andere Frage widmete sich der Verankerung des Konzeptes in der ecuadorianischen Bevölkerung. Schmid wies hier auf den großen Bekanntheitsgrad des Sumak Kawasay hin und auch auf die bedeutende Rolle von Intelektuellen und Think Tanks im Land. Ist das Sumak Kawsay mehr als eine Absichtserklärung? Schmid sieht es grundsätzlich als Vision, als Idee und an Idealen müsse man sich orientieren. Es gebe zwar konkrete Umsetzungen aber eben auch Widersprüche, die zur Diskussion stünden. Letzten Endes seien vier Jahre auch noch eine knappe Zeit, um die ganz großen Veränderungen zu erwarten.
 

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