• 08.12.2018Seite Drucken

Einblicke in ein Leben für den Dialog

Univ.-Prof. i.R. Dr. Martin Jäggle im Lebensgespräch


Sankt Martin, der erste aus Europa stammende Heilige, ist vor allem bekannt durch seine gelebte Zivilcourage und Bescheidenheit. Für seinen Namensvetter, dem Gast von Jean-Marie Krier beim Lebensgespräch am 13. Dezember 2018, ist er ein Vorbild.

Martin Jäggle ist in armen Verhältnissen, wärend der Volksschulzeit bei Zieheltern auf dem Land, in Oberösterreich aufgewachsen, ohne bewusst wahrgenommen zu haben, dass Barfußgehen nicht Spaß und Abenteuer bedeuten, sondern vor allem auch eine Verlängerung der Haltbarkeit seiner Schuhe. Später, als er wieder in Wien lebt, ist neben der Abwesenheit von Reichtum, die Anwesenheit einer kulturellen und religiösen Vielfalt Normalität im Leben des jungen Martin: „Ich bin im Schatten des Stephansdoms und im Lichte der Synagoge aufgewachsen!" Untermieter sind iranische, ägyptische und syrische Studenten. Seine Matura kann er durch die Unterstützung einer evangelischen Familie erlangen, die ihn und seinen Zwillingsbruder sieben Jahre lang, von Montag bis Freitag zum Mittagessen einlud. So lernt er Dinge kennen, die er wo anders in Wien oder Österreich nicht kennengelernt hätte.

Schon als jungem Menschen ist ihm Glaube und Religion wichtig. Die Theologie ist dazu da, so betont er im Gespräch, um Fragen stellen zu können. Er entschließt sich daher zu einem Theologiestudium, widmet sich währenddessen aber lieber der StudentInnenpolitik, da die Studieninhalte ihn nicht so sehr mit Begeisterung erfüllen: „Das Theologiestudium ist ein Diebstahl an Lebenszeit gewesen.“ Sein Engagement für Pressefreiheit, die ihn Jahre später zum langjährigen Herausgeber-Vertreter des Südwind-Magazins werden lässt, hat seinen Ursprung in diesen Jahren während des Studiums und gleich danach.

Ein anderes Interesse, das ihn während des Studiums findet und ihn Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen wird, ist das Thema „Dritte Welt“ (damals) oder „Globaler Süden“ (heute), mit allen damit verbundenen Gerechtigkeitsfragen. Martin Jäggle wird in den 1970er Jahren zu einem der Mitgründer des damaligen ÖIE (Österreichsicher Informationsdienst für Entwicklungspolitik), dem Vorläufer des heutigen Südwind.

Als langjähriger Ausbildner von ReligionslehrerInnen profitiert der Theologe Martin Jäggle viel von den Fragen seiner Kinder. Sie bringen ihn mit ihren philosophischen und theologischen Fragen öfter zum Nachdenken und neuen Forschungsfragen. Eine Erfahrung, die er nicht nur seinen Theologie-StudentInnen mitgeben kann, sondern die ihren Niederschlag auch in zahlreichen seiner Publikationen gefunden hat.

Schulreligion macht keine bessere Christen, kann aber helfen besser zu verstehen

Religiöse Bildung in den Schulen sei wichtig, weil dort ein Raum zum Nachdenken und Lernen entsteht. Religionswissenschaftler ersetzten, so der Theologe, keine Religionslehrer oder Theologen, da eine Wissensvermittlung nur aus der Vogelperspektive nicht genügen kann. Die Aufgabe des Religionsunterrichts sei es, im Kontext der Zeit, Werte zu vermitteln. Katechese ist nur in der Gemeinschaft möglich, da man anders keine gemeinsamen Lernprozesse entwickelt.

Durch Unterschiede kann es dabei im Alltag und im Dialog zu Konflikten kommen, die aber das Potenzial haben, Energie freizusetzen und etwas Produktives entstehen zu lassen.

Interreligiöser Dialog und Kultur der Anerkennung

Dieser tiefen Überzeugung folgend initiiert Martin Jäggle 1995 in Ottakring Gesprächsrunden mit evangelischen und moslemischen Personen, aus denen sich u.a. Arbeitskreise zum interreligiösen Dialog bilden. Hierbei will er Moderator sein, ohne seine Position zu verlieren.

Als (Religions-)Pädagoge setzt sich Martin Jäggle mit allen Kräften für eine Schule der Anerkennung und Wertschätzung ein, auch als Gegenreaktion darauf, dass SchülerInnen in Schulen oft nur aufgrund von Taten, wie z. B. gute Noten, Engagement etc. bewertet werden. Auch hier setzt er auf Dialog mit und Verständnis gegenüber den Heranwachsenden: Es soll ihnen, so erklärt es Martin Jäggle, auch im Schulalltag und im System Schule Anerkennung aufgrund ihrer Person entgegengebracht werden, einfach weil sie Menschen sind und es allein damit wert sind, wertgeschätzt zu werden.

Zurück zur Übersicht more

 

Klimabündnis ÖsterreichKommEnt ist Mitglied im
OEZA