• 06.11.2014Seite Drucken

Rassismuskritische Bildung – eine aktuelle Herausforderung. Tagung Globales Lernen 2014

Über 200 TeilnehmerInnen nahmen dieses Jahr die Einladung zur dritten Fachtagung „Globales Lernen – Potenziale & Perspektiven“ wahr, die am 4. November im Albert-Schweitzer Haus stattfand. Rassismus und Perspektiven einer rassismuskritischen Bildung standen im Mittelpunkt von Vorträgen und Arbeitsgruppen.


Nach der Begrüßung durch Sektionschef Hanspeter Huber, BMBF, führte Anne Broden vom Informations- und Dokumentationszentrum für Antirassismusarbeit in Nordrhein-Westfalen (IDA-NRW) in das Thema ein. Zu Beginn verwies Broden auf die Verdrängung von Rassismus an den gesellschaftlichen Rand, Rassismus werde gerade in Deutschland und Österreich der rechtsextremen Szene zugeordnet. Auf Rassismus zu verweisen, habe lange Zeit als Zumutung gegolten, weil Rassismus als eine Fortsetzung nationalsozialistischer Ideologie angesehen wurde. Wenn es auch mittlerweile wieder möglich sei, von Rassismus zu sprechen (statt verharmlosender etwa von Ausländerfeindlichkeit) werde der Terminus oftmals seines „analytischen Stachels“ beraubt, wenn er für eine menschenverachtende Einstellung von Individuen interpretiert und nicht als ein gesamtgesellschaftliches Phänomen analysiert werde.

Rassismus – eine gewaltvolle Praxis der Unterscheidung

Broden definierte Rassismus als gewaltvolle Praxis der Unterscheidung von Menschen entlang äußerlicher Merkmale und/ oder sozialer/ kultureller Unterschiede. Diese Unterscheidungen beruhten außerdem auf Macht- und Herrschaftsverhältnissen, auf dem Verhältnis von Mehrheiten und Minderheiten und der Macht zu definieren, wer als zugehörig gelte und wer nicht. Rassismus sei somit kein Phänomen, dem durch die pädagogische Arbeit an individuellen Verhaltensänderungen beizukommen sei. Für den pädagogischen Kontext sei vielmehr entscheidend, sich mit den Institutionellen und strukturellen Aspekten von Rassismus auseinander zu setzen. Die unterschiedlichen Ursachen von Rassismus zu kennen, sei Voraussetzung für eine angemessene Problematisierung der Phänomene und schütze auch vor Allmachtsphantasien der Akteure, denn die pädagogische Arbeit gegen Rassismus könne angesichts der komplexen Ursachen nur begrenzt Einfluss auf die gewaltvollen rassistischen Verhältnisse nehmen. Nach einem Blick auf die historischen Wurzeln von Rassismus ging Broden auf die komplexe Verwobenheit von individuellem und strukturellem Rassismus ein. Die Perspektiven für eine rassismuskritische (pädagogische) Praxis sah Broden vor allem in einer fundierten Analyse rassistischer Strukturen und einer hohen Sensibilität für Verteilungsgerechtigkeit – gesamtgesellschaftlich als auch innerhalb von Bildungsorganisationen –sowie in der ständigen Bereitschaft zu kritischer Selbstreflexivität. Rassismuskritische Arbeit sei Sisyphosarbeit, so Anne Broden am Schluss ihres Vortrags, den sie jedoch mit einem Zitat von Albert Camus beendete, der uns lehre, sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen.

Un/ Tiefen der Macht: Auswirkungen von Rassismuserfahrungen und sozialer Exklusion

Die Tagung wurde mit einem zweiten Vortrag beendet. Astride Velho, Erzieherin und Diplompsychologin, hat die Auswirkungen rassistischer Diskriminierungen auf Kinder und Jugendliche erforscht. Sie sprach über die sehr ambivalenten und heterogenen Rassismuserfahrungen, die von Exotisierung und Herabwürdigung bis hin zu sozialer Exklusion reichen. Unterscheidungen nach dem Kriterium ›Ethnie‹ oder ›Kultur‹ und die darüber definierten Zugehörigkeiten oder Nichtzugehörigkeiten würden in unserer Gesellschaft häufig als selbstverständlich hingenommen, der der darüber regulierte Zugang zu Ressourcen, Rechten und Privilegien werden dann nicht mehr hinterfragt. Für die seelische und auch körperliche Gesundheit können Erfahrungen von rassistischer Diskriminierung jedoch gravierende Effekte haben. Sie beeinflussen das Empfinden des eigenen Selbst und die Subjektivität der Kinder und Jugendlichen. Psychodynamiken, wie die Internalisierung der zugeschriebenen Andersheit oder der Versuch, sich zu assimilieren und ununterscheidbar zu machen, ließen, so Velho, komplexe und paradoxe Dynamiken entstehen. Gleichzeitig, so führte Velho vor Augen, würden viele der betroffenen Kinder und Jugendlichen enorme Kompetenzen und große Kapazitäten an Handlungsfähigkeit und widerständigen Selbstentwürfen entwickeln. Auch Velho verwies auf die „Normalität“ von Rassismus, sowohl als individueller Alltagsrassismus als auch als institutioneller Rassismus, die auch pädagogische und psychosoziale Arbeitsfelder prägten. Rassismuserfahrungen als zentrale Lebenserfahrungen von Kindern und Jugendlichen werde jedoch in der beruflichen Praxis oftmals negiert und verleugnet. Dieses Schweigen habe gravierende Konsequenzen für die Betroffenen, die genau dadurch eine Fortsetzung von Rassismus erleiden. Berufliche Praxis könne ihre Wirkung verfehlen, wenn Rassismuserfahrungen als zentrale Aspekte der Lebenserfahrungen ausgeklammert blieben. Jene, die in pädagogischen und psychosozialen Kontexten arbeiten seien Teil dieser Normalität. Sie sind herausgefordert, genau aus dieser Perspektive heraus, Veränderungen im Sinne einer reflexiven Praxis gegen Alltagsrassismus zu entwickeln.

Facetten rassismuskritischer Bildung – ein dichtes Programm

Die Fachtagung 2014 musste aufgrund geänderter Rahmenbedingungen in der LehrerInnen-Weiterbildung (darf nur mehr in der unterrichtsfreien Zeit stattfinden) auf einen Halbtag reduziert werden. Dabei kamen Austausch und Vernetzung sowie die vertiefende Diskussion unter den TeilnehmerInnen vielleicht ein wenig zu kurz. Die Tagung bot mit den beiden Vorträgen und 6 Arbeitsgruppen jedoch ein vielfältiges und dichtes Programm. Die Arbeitsgruppen sollten der fachlichen Vertiefung, vor allem aber auch dem Aufzeigen von Perspektiven dienen. Wichtiges Ziel war auch das Empowerment aller AkteurInnen, denn – wie auch in den Vorträgen mehrfach aufgezeigt – rassistische Unterscheidungspraxen prägen die Systeme, in denen wir alle tätig sind. Die Arbeitsgruppen sensibilisierten für rassistische Diskriminierungen, setzten sich mit dem pädagogischen Handeln in der Migrationsgesellschaft auseinander, hinterfragten die Darstellung von „Anderen“ im Schulbuch und zeigten dekoloniale Strategien sowie konkrete Formen und Möglichkeiten anti-rassistischer oder rassismuskritischer Arbeit auf. Zu den Highlights der Tagung gehörten die Gespräche und Diskussionen mit SchülerInnen, die eingeladen waren für einen Perspektivenwechsel zu sorgen und über ihre eigenen Positionen in kulturell heterogenen Gemeinschaften zu erzählen. Engagiert und eloquent sprachen sie über ihre Erfahrungen mit Diversität und Diskriminierung und reflektierten ihre Erfahrungen mit rassismuskritischen Projekten und interkulturellem Lernen.

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