• 15.10.2014Seite Drucken

Workshop: Den Wandel wagen - Globales Lernen als transformative Bildung

Nach Klaus Seitz‘ Aufruf zur „Transformation als Bildungsaufgabe“ fand am nächsten Tag ein Workshop statt, der Raum eröffnete, um pädagogische Implikationen zu diskutieren – eine inspirierende Auseinandersetzung, die Handlungsmöglichkeiten sichtbar machte und für Baustellen sensibilisierte!


 Thesen und Bausteine für eine transformative Bildung

Klaus Seitz‘ einleitender Input bot dafür die ideale (und idealistische) Grundlage. Aufbauend auf Alfred Tremls Grundthese, dass „Entwicklungspädagogik die Entwicklungsziele unserer Gesellschaft problematisieren und gemeinsam neu bestimmen solle“, formulierte Seitz acht Thesen für eine transformative Bildung.


Thesen 1, 2 und 3: Teilhabe, kollektive Lernprozesse und Impulse durch soziale Bewegungen  

Aus der Grundthese sei abzuleiten, dass in erster Linie soziale Voraussetzungen für die Teilhabe aller Menschen an der Bestimmung gesellschaftlicher Entwicklungsziele geschaffen werden sollten. Zweitens müsse das Augenmerk verstärkt auf kollektive, latente Lernprozesse gelenkt werden – sowohl um system-reproduzierende Dynamiken zu verstehen, als auch innovative Lernprozesse ausfindig zu machen. Denn erfahrungsgemäß, so die dritte These, biete die pädagogische Praxis sozialer Bewegungen in den Nischen des Systems entscheidende Impulse für Transformation.

Thesen 4 und 5: Humanisierung der Lebensverhältnisse als Bildungsauftrag – Bildungskritik als Ausgangspunkt

Das Ziel der Humanisierung von Lebensverhältnissen solle aber nicht Nischenthema sein, sondern ein fundamentaler Bildungsauftrag, betonte Seitz‘ vierte These. Dazu müsse die Pädagogik aus einer doppelten Gefangenschaft, dem Denken in nationalen Grenzen und neoliberaler Wirtschaftslogik, ausbrechen. Somit beginne transformative Bildung, der fünften These nach, mit Bildungskritik. Die Schwierigkeit bestehe insofern nicht nur darin, neue Ideen zu finden, sondern den alten zu entkommen – in Seitz‘ Worten: „Wir müssen lernen, was wir verlernen müssen!“  

These 6: Kollektive Überwindung von Barrieren – begleitet durch öffentlichen Diskurs und Forschung

Dem Verlernen und Neulernen stünden allerdings Barrieren im Weg: alte Weichenstellungen, Verlustängste, verinnerlichtes Alltagshandeln, die Kluft zwischen Wissen und Handeln, das Streben nach materiellem Wohlstand, fehlende Langfristorientierung, globale Kooperationsblockaden und das Motto „nicht jetzt, nicht hier, nicht wir“. Den transformativen Prozess begleitend bräuchte es also Transformationsforschung – so die sechste These – und einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs auf der Metaebene zur Überwindung dieser Barrieren.

Thesen 7 und 8: Psychische Ressourcen und veränderte Alltagspraxis für die Post-Wachstumsgesellschaft

Doch auch psychische Faktoren seien wichtige Ressourcen für eine Post-Wachstumsgesellschaft, wie zum Beispiel: immaterielle Zufriedenheit (zu fördern, indem man für Genussfähigkeit plädiere, anstatt Verzicht androhe), gestärktes Selbstwirksamkeitsgefühl (ist essentiell, um sich als gestaltendes Subjekt, anstatt als ohnmächtiges Objekt zu fühlen), sowie Achtsamkeit und Solidarität. Besonders wichtig sei auch die Stärkung von Resilienz, da diese eine größere Fehlertoleranz als Vorrausetzung für Veränderungsmut erlaube – denn schließlich, so die letzte These, sei die entscheidende Sozialisationsinstanz für eine zukunftsfähige Entwicklung ja eine veränderte Alltagspraxis. Dafür müssten offene Räume geschaffen werden, auf Struktur- und Akteursebene, in denen nicht nur diskutiert, sondern vor allem „ausprobiert“ werden kann!

Wer, wie, was, wo(hin) – Zusammenschau konkreter Ansatzebenen im Workshop

Die rege Diskussion der rund 20 TeilnehmerInnen brachte anschließend eine inspirierende Erweiterung des Perspektiven-Spektrum sowie eine Zusammenschau der wichtigsten Implikationen für die Umsetzung transformativer Bildung: Was solle passieren? - Eine Transformation als „normativer“ Suchprozess, auf der Basis neuer Werte wie Suffizienz, Genussfähigkeit, Selbstwirksamkeit, Achtsamkeit, Solidarität und Resilienz, um die Säulen des alten Systems zu ersetzen. Wer solle agieren? – Das Kollektiv und jeder Einzelne, auf der Basis der ganzen Person mit ihren Bedürfnissen und Motiven. Wie müsse vorgegangen werden? – Experimentell, inklusiv, solidarisch, partizipativ, divers, kreativ, fehlerfreudig und praktisch erfahrbar. Wo solle das stattfinden? – Im Diskurs, in vielen Räumen und in neuen Rahmenbedingungen durch politische Weichenstellungen. Und wohin solle es führen? – Zu neuen Utopien, durch mutig gemalte neue Bilder und Narrative.

Heikle Baustellen und wichtige Fragen

All das eröffnte aber neue Fragen und heikle Baustellen, die beim Workshop diskutiert wurden: Wie gestaltet man Teilhabe für Alle? Wie werden „ganze Personen“ erreicht, die mit dem täglichen Überleben beschäftigt sind? Wer entscheidet über Rahmenbedingungen? Wie werden die Freiräume geschaffen? Wie kann all das im Rahmen von existierenden Machtverhältnissen passieren? Wie kann der Widerspruch, Bildung müsse offen und doch wertstark sein, vereint werden? Lernprozesse seien nur bedingt steuerbar – lassen sich innovative Bildungslandschaften also überhaupt planen? Innovatives Lernen brauche Zeit, aber die Zeit drängt – wie gehen wir also damit um? Wie funktioniert Lernen in Vielfalt – müssen wir auf transkulturelle Ansätze umstellen? Wie lässt sich das im existierenden Rahmen der Nation umsetzten? Und: kann/darf man überhaupt universelle Utopien schaffen?

Debatte als Weg – Leitfrage als Ziel

Um durch diese vielen Fragen nicht blockiert zu sein, sollten zwei Gedanken helfen, die Klaus Seitz den TeilnehmerInnen mitgab: „Erstens ist eine angeregte Debatte bereits ein Weg zum Ziel, denn sie vereint den Widerspruch zwischen Offenheit und Normativität und schafft die Dynamik der Transformation. Und zweitens kann Utopie auch als Leitfrage gedacht werden, die unzählige Beantwortungen im Sinne der Vielfalt ermöglicht, die nicht universell, aber globalisierbar sein müssen. Wie schaffen wir ein gutes Leben für Alle? – könnten wir uns also fragen, und sogleich ein Experiment dazu starten!“

Ein Bericht von Laura Magenau

Zurück zur Übersicht more

 

Klimabündnis ÖsterreichKommEnt ist Mitglied im
OEZA