• 14.10.2014Seite Drucken

Umbruch. Bildung. Aufbruch. Vortrag und Diskussion mit Klaus Seitz

Die letzte Vorveranstaltung "Umbruch.Bildung.Aufbruch" im Rahmen der diesjährigen Entwicklungstagung mit dem Titel “umbruch.aufbruch“ beschäftigte sich mit der Rolle von Bildung vor dem Hintergrund der Notwendigkeit einer gesellschaftlichen Transformation. Klaus Seitz, Erziehungswissenschaftler und Leiter der Abteilung Politik bei Brot für die Welt plädierte in seinem Vortrag ganz klar für „Transformation als Bildungsaufgabe“.


Das Ende der Welt, wie wir sie kannten

“Die Welt steht heute vor einem Ende und einer Wende“, so Klaus Seitz zu den rund 30 TeilnehmerInnen. Im ersten Teil seines Vortrags lieferte er eine fundierte Argumentation für die Notwendigkeit eines fundamentalen Umbruchs. Die globalen Säulen der Moderne wie nationale Grenzen, die Beherrschung der Natur und unbegrenztes Wachstum, seien nicht tragfähig – weder für heutige, noch für zukünftige Generationen. Die „Erfolgsgeschichte“ der am Wirtschaftswachstum orientierten Gesellschaft ist nur auf einen Teil der Menschheit beschränkt und beruht auf Ausbeutung des anderen Teils und der Natur. In diesem Sinne plädierte Seitz für eine grundsätzliche Strukturrevolution, getragen von der Erkenntnis der weltgesellschaftlichen Dimension von Wandel – denn Transformation könne nur als globaler Prozess gedacht werden.

"Transformation" – Ende und Wende der Entwicklungsidee

Diese globalen Entwicklungsherausforderungen sprengen somit die Grenzen der herkömmlichen Entwicklungspolitik, argumentierte Seitz weiter. Die Genese der „Entwicklungsidee“ nachzeichnend erläuterte er, dass das Modell einer wachstums- und fortschrittszentrierten Stufenleiter der Entwicklung in diesem Lichte klar in Frage gestellt werden müsse. Hierzu zähle auch die „Gläubigkeit“ an neue „grüne“ Technologien als Lösung unserer Probleme. Viel eher, so Seitz, stelle Transformation eine kulturelle und institutionelle Herausforderung dar, nicht eine technologische! Auch müsse die EZA einen Weg „beyond aid“ finden, denn es bedürfe keiner „Abhilfe des Mangels im Süden“ (der durch das System der Ungleichheit stets reproduziert wird), sondern einer gemeinsamen Lösung gemeinsamer Probleme. „Eine Welt oder keine Welt“ – so Klaus Seitz‘ pointierte Zusammenfassung.

‚Transformative Bildung‘ – Sozial-ökologische Transformation als gesellschaftlicher Suchprozess

Da dieser Umbruch aber auch einen Aufbruch ins Unbekannte darstelle, definierte Seitz Transformation als „wissensbasierten gesellschaftlichen Suchprozess“. An diesem Punkt wurde der Stellenwert von „Bildung“ ersichtlich und Seitz benannteTransformation als Bildungsaufgabe. Die Ambivalenz von Bildung bedenkend, zu progressiver Veränderung beizutragen oder alte Strukturen zu reproduzieren, betonte er aber auch die Notwendigkeit einer Transformation der Bildung selbst: Diese müsse Räume für das „Erlernen einer anderen Lebenspraxis“, für Kreativität und Vielfalt eröffnen und Innovation „verschwenderisch“ ermöglichen. Es benötige also nicht nur eine inhaltliche, sondern auch strukturelle Umgestaltung von Bildung – denn, so führte Seitz als Beispiel an: „Demokratie in einer nicht-demokratischen Schule zu erlernen, das geht nicht“.
Eine solche transformative Bildung in Angriff zu nehmen, dazu sollte, den Vortrag abschließend, ein Zitat von Alfred Treml (einem Pionier der Entwicklungspädagogik) ermutigen: „Kann die Gesellschaft durch Erziehung verändert werden? Wenn wir wissen wollen, ob die Gesellschaft verändert werden kann, müssen wir daran gehen, sie zu verändern.“ (Alfred K. Treml, 1983)

Gesamter Lebenskontext und politischer Wille muss adressiert werden

In ihrem Kommentar aus der Perspektive der Praxis wies Anita Rötzer (Südwind Salzburg) jedoch auf die Kluft zwischen Wissen und Handeln hin. Nicht immer seien es fehlende Bildungsräume, sondern auch andere Barrieren, die dem „transformativen Handeln“ im Wege stehen. Diese wären im gesamten Lebenskontext (Alltag, Eingebundenheit in die Marktlogik, Einfluss der Medien etc.) sowie in der Motivation der Einzelnen zu finden. Neben der Beachtung dieses Kontextes solle außerdem auch die Rolle des politischen Willens fokussiert und die Frage gestellt werden, inwiefern politische EntscheidungsträgerInnen als „Lernende“ involviert werden könnten.

Wir brauchen eine neue, transformative Meistererzählung!

Auch Thomas Hellmuth (Assistenzprofessor für Didaktik der Geschichte und Politischen Bildung an der Universität Salzburg) sah in „Bildung“ kein Allheilmittel und betonte die Notwendigkeit einer Umgestaltung der politischen Rahmenbedingungen. Alte Konstrukte müssten aufgebrochen werden, um Raum zu schaffen für eine neue „Meistererzählung“ als politischen Orientierungsrahmen. In diesem müsse schließlich eine konkrete „Didaktik der Transformation“ ausgearbeitet werden.

Diskussion: Wo ansetzen?

Doch woher soll ein neuer politischer Wille, eine neue Erzählung, eine transformative Bildung denn kommen? Durch Druck von der Straßen, oder durch „Bildung für PolitikerInnen“? Hierzu gab Thomas Hellmuth zu bedenken, dass PolitikerInnen in polit-ökonomischen Spielregeln „gefangen“ seien. Hans Eder (INTERSOL Salzburg) fügte hinzu, dass auch die traditionellen Bildungsinstitutionen nach System-stützenden Regeln funktionieren. Viel eher bräuchte es ein Aufgreifen von alternativen Bildungs-  und Lebenskonzepten wie zum Beispiel der „Educacion Popular“ von Paulo Freire, oder dem „Buen Vivir“. Um derartige Anstöße in die Realpolitik einzubringen wären eine erweiterte Demokratisierung und mehr politische Bildung notwendig, so einer der Schlüsse aus der angeregten Diskussion.

Um vor dem Berg einer Transformation als Bildungsaufgabe jedoch nicht zurückzuschrecken, sondern Handlungsmotivation zu bewahren, wurde in der Abschlussrunde schließlich noch auf Bausteine der „Möglichkeiten“ hingewiesen. So betonte Anita Rötzer das Potential jedes Einzelnen, etwas in der Alltagspraxis zu verändern, Thomas Hellmuth erinnerte an SchülerInnen, die schon heute alles ganz anders sehen als vorige Generationen, und Klaus Seitz schloss einmal mehr mit einem eindrücklichen Zitat von Alfred Treml: „Der Wandel ist bereits im Gang“.

Ein Bericht von Laura Magenau

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